30.7.2009

Einstellung des «Bund»-Blog

Von Redaktion «Der Bund» um 11:48 [ «Bund intern» ]
Liebe Leserin, lieber Leser,

Das «Bund»-Blog wird per 31. Juli eingestellt. Wir danken für Ihr Verständnis.

Die «Bund»-Online-Redaktion

24.7.2009

Trittbrettfahrer im Sommerloch

Von Nick Lüthi um 09:53 [ «Bund intern» ]
Da sich das Weltgeschehen weder nach Zeitungsumfängen noch nach Sendezeiten richtet, stehen Medien jeden Sommer vor der bangen Frage:

Wie überstehen wir die nachrichtenarme Zeit, auch bekannt als Sommerloch oder Saure-Gurken-Zeit? Die radikalste Antwort kennen manche Pendlerzeitungen und Fachmedien. Sie stellen den Betrieb während ein paar Wochen gleich ganz ein und tun damit das, was ihr Publikum auch tut: Sie machen Ferien.

Doch alle anderen, Tageszeitungen, Radio und Fernsehen, müssen weiterhin ihre Seiten und Sendeminuten füllen. Zum Beispiel mit Sommerserien – ein beliebtes Mittel, sich von der Abhängigkeit von aktuellen Ereignissen zu lösen. Die einzelnen Beiträge der Artikelfolge lassen sich zudem praktisch im Voraus realisieren, sodass der Autor zum Zeitpunkt des Erscheinens seine verdienten Ferien geniessen kann.

Wer über die entsprechenden Ressourcen verfügt, was bei den gebührenfinanzierten Programmen der SRG bekanntlich der Fall ist, überbrückt das Sommerloch mit eigenen Inszenierungen. So setzt das Schweizer Fernsehen seit ein paar Jahren auf diese Methode.

Fernab von jedem Aktualitätsbezug schafft die Regionalnachrichtensendung «Schweiz aktuell» ein künstliches Ereignis. In diesem Jahr lässt man den Zweiten Weltkrieg aufleben und schickt dazu ein paar Männer in den Bunker und die Frauen und Kinder in die Anbauschlacht. In früheren Jahren war es das Leben zur Gotthelf- oder Pfahlbauerzeit, das Laiendarsteller im Auftrag des Schweizer Fernsehens nachspielten.

Als sinnvollen Beitrag zur Geschichtsschreibung darf man solche «Living History»-Inszenierungen nicht verstehen. Historiker halten das Réduit-Theater, das am kommenden Montag auf SF anläuft, denn auch für «zynisch» und «absurd» (Jakob Tanner und Jean-François Bergier in der «NZZ am Sonntag»). Es geht hier also im besten Fall um ein Unterhaltungsprogramm im Sommerloch.

Was aber machen Medien, die sich einen solchen Aufwand nicht zu leisten und keine Weltkriegsfestung zu bespielen vermögen? Sie wählen die billigste Sommerloch-Überbrückung. Und die heisst Trittbrettfahren. Aufgrund der vergleichsweise dürren Nachrichtenlage, aber auch mangels eigener Einfälle beschreitet man den vom Fernsehen ausgelegten Teppich und schneidet sich auch eine Tranche der «Alpenfestung» ab.

Noch bevor die Sendung überhaupt ausgestrahlt wurde, haben Medien von A wie «Aargauer Zeitung» bis Z wie «Zürichsee-Zeitung» bereits in weit mehr als hundert Artikeln die Unterhaltungsshow zum Thema gemacht.

Besonderen Eifer entwickelten die Redaktionen im Fall des designierten Bunker-Kommandanten. Sie berichteten ausführlich über den Mann, der sonst vermutlich nur in den Randspalten eines Lokalblatts erwähnt worden wäre, weil er Gelder eines Hornusservereins veruntreut und eine Unterschrift gefälscht haben soll. Aber ist das in dem Mass wirklich von öffentlichem Interesse?

Und: Muss der Mann im Zusammenhang mit seinem Vorleben gleich mit vollem Namen genannt werden, nur weil das Schweizer Fernsehen seine Personalien als Laiendarsteller in spe veröffentlicht hatte? Wenn das nur Ausrutscher auf der sommerlichen Trittbrettfahrt wären, man könnte noch halbwegs darüber hinwegsehen.

Doch leider dauert das Sommerloch auf manchen Redaktionen das ganze Jahr.

[i] Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

17.7.2009

Anschlag auf die alte Herrlichkeit

Von Redaktion «Der Bund» um 10:30 [ Zur Lage der Welt ]
Von Mathias Ninck

«Ich habe kürzlich eine Freundin gefragt, was Frauen an Männern schätzen. Antwort: Macht, Geld, Prestige. Es ist eine brutale Welt, in der wir leben.»

Das hat Roger Köppel geschrieben, vor genau drei Jahren. Er war damals Chefredaktor der deutschen Zeitung «Die Welt», lebte in Berlin, allein. Es klang ein wenig traurig. Heute schreibt er in der «Weltwoche»: «Auf Väter können wir verzichten. Mütter sind unersetzlich.» Richtig fröhlich klingt auch das nicht, es hat etwas Überspanntes, genau genommen ist der Satz ja einfach töricht.

Ist es also ein Jux? Einfach noch so ein Ding, mit dem das Blatt beweisen will, dass es aus der Zeit gefallen ist? «Nein», sagt Roger Köppel am Telefon: «Es ist mir ernst. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist nicht delegierbar. Emotionale Vertrautheit geht nur mit der Mutter.»

Na gut, dann nehmen wir es halt ernst. Wenn einer im ideologischen Minenfeld von Familie und Kindererziehung erste Duftmarken setzt, hat das häufig einen realen Hintergrund. Roger Köppel hat Mitte März eine zehn Jahre jüngere Frau geheiratet, Bich-Tien Ton, aufgewachsen in der Schweiz, Tochter vietnamesischer Flüchtlinge: eine kluge, hübsche Frau, die an der Universität St. Gallen studiert hat und bei der UBS arbeitet. Sie hat gerade den Mutterschaftsurlaub angetreten, das Würmlein wird bald kommen. Köppel steht also die Vaterwerdung bevor. Natürlich ist er in Gefahr.

Denn es herrscht Wirtschaftskrieg, und er, der General, «muss auf der Kommandobrücke stehen», und das braucht seine ganze Aufmerksamkeit. Ein Kind? Was für eine Zumutung. Also beruft sich Roger Köppel – mit biologistischem Vokabular – erst mal auf das seit dreihundert Jahren existierende Dogma der väterlichen Distanz, auf die quasi naturgegebene Familienstruktur, in welcher der Vater das Exil in die Berufswelt antritt und die Mutter da ist für die «Vermittlung von Liebe, Selbstvertrauen und Geborgenheit». Als Beleg für die Richtigkeit seiner These nimmt Köppel die eigene Erfahrung: «Die Abwesenheit des Vater war mir meistens gleichgültig.»

Er blendet dabei grosszügig aus, dass verschwundene Väter in verwandelter Form wieder auftauchen, auch bei ihm. Sein Leben ist gut bestückt mit Ersatzvätern: Ex-«Blick»-Chefredaktor Peter Uebersax, Unternehmer Bruno Franzen, Financier Tito Tettamanti. Ihr Verhältnis zu Köppel ist eng, vaterähnlich. Sie helfen ihm, muntern ihn auf.

Mit seinen saloppen Sprüchen signalisiert Roger Köppel, dass er sich in der Familie auf die Rolle des Verwaltungsrates zurückziehen will. Er wirkt dabei aber recht defensiv, gerade so, als sei Vaterschaft ein Anschlag auf die alte Herrlichkeit.

Die Nostalgie ist irgendwie verständlich, schliesslich ist die alte Herrlichkeit längst dahin. Die Väter und Mütter haben sich verändert. Sie sind Menschen geworden. Die Patriarchen und die Popanzen liegen weit abgeschlagen, heute ist der Vater nichts Besonderes mehr (und folglich müssen die Mütter nicht mehr täglich die Macht ihres Mannes angreifen, unter der sie früher so litten). Die Distanz zwischen Kindern und ihren Vätern ist kleiner geworden, das Leben dadurch unübersichtlicher, anstrengender, vielleicht erfüllter. Wer weiss.

13.7.2009

Babysitter für mündige Bürger

Von Artur Vogel um 12:13 [ In den Medien ]
Es gibt Artikel, die verpuffen, und solche, die Aufsehen erregen.

Zur zweiten Kategorie gehört ein Leitartikel, den ich vor zehn Tagen publizierte. Ich hatte ihn am Rauchverbot in Berner Restaurants aufgezäumt, das soeben in Kraft getreten war, aber darum ging es nicht. Vielmehr thematisierte ich die problematische Abgrenzung von staatlichem Regulierungsdrang und persönlicher Entscheidungsfreiheit.

Viele lasen den Text jedoch als Attacke auf das Beizen-Rauchverbot – was ganz offensichtlich ein emotionalisiertes Thema ist – und warfen mir vor, ein Lakai der Nikotinindustrie zu sein und mich um das Los der Nichtraucher zu foutieren.
Ein Kollege schrieb gar, Journalisten gingen salopp mit dem Verbot um, da sie selber von allerlei Süchten geplagt seien.

Deshalb dieser Einschub: Als Nichtraucher bin ich froh, im Restaurant speisen zu können, ohne dass mir Rauchschwanden ums Gesicht wabern, und aus dem Zug zu steigen, ohne dass die Kleider nach Nikotin stinken.

Dass Kollegen auf der Redaktion nicht mehr paffen dürfen, nur noch auf dem Trottoir und der Dachterrasse, ist für die nichtrauchende Mehrheit ein Segen.

Mir ist es mit grosser Mühe und nach mehreren Rückfällen vor nunmehr achteinhalb Jahren gelungen, eine jahrzehntelange Raucherkarriere zu beenden; ich fühle mich hundertmal wohler und fitter und würde jeder Raucherin und jedem Raucher empfehlen, dasselbe zu versuchen. – Voilà.

Aber wie gesagt, darum ging es nicht. Worum es ging, illustrierte die Sonntagspresse einen Tag später eindrücklich: Mehrere Blätter berichteten, das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement bereite eine Vorlage vor, mit der das Kinderhüten in der Schweiz reglementiert werden solle.

Der Staat also nicht, wie ich geschrieben hatte, als Kindergärtnerin, sondern als Babysitter.

Hier deshalb noch einmal die schon vor zehn Tagen gestellte Frage: Wo ist die Grenze zwischen sinnvoller Reglementierung und inakzeptabler Bevormundung?
Es ist eine staatpolitische Frage.

Die Demokratie lebt vom Prinzip, dass jede mündige Bürgerin und jeder mündige Bürger fähig ist zu entscheiden, von wem sie in Exekutiven und Legislativen am besten vertreten wird. Und dass jede mündige Bürgerin und jeder mündige Bürger in der Lage ist, bei Staatsgeschäften mitzubestimmen: Wollt Ihr die Invalidenversicherung sanieren? Akzeptiert Ihr die Personenfreizügigkeit mit der EU? Wollt Ihr das Beschwerderecht der Verbände einschränken? Und so weiter.

Bei schwierigen Personalentscheiden und komplexen politischen Fragen hält uns die Demokratie also für kompetent, Entscheide zu treffen und dadurch die Tätigkeit des Staates mitzubestimmen.

Anderseits sprechen uns dieselben staatlichen Organe, die wir gewählt haben und die von unseren Steuergeldern leben, beispielsweise die Kompetenz ab, darüber zu bestimmen, wer unsere Kinder hüten darf.

Deshalb nochmals die Frage: Wollen wir uns wirklich den letzten Rest von Eigenverantwortung nehmen lassen und unserer eigenen Entmündigung zustimmen?

11.7.2009

«Man» macht sich nützlich

Von Daniel Goldstein um 07:32 [ Sprachhäppchen ]
«Vonseiten der Polizei sei leer geschluckt worden.» - «Leer schlucken» eignet sich besonders schlecht für die passive Form, und geschehen ist es nicht «vonseiten», sondern bei der Polizei. Also: «Bei der Polizei habe man leer geschluckt.»

«Dank dem integrierten Bahnhof muss nicht mehr eine Strasse überquert werden, um vom Zug auf den Bus umzusteigen.» - Hier kann man mit «man» gleich zwei Fliegen erschlagen: die Passivform und den unsauberen Bezug von «um» (aufs beim Passiv nicht genannte Subjekt). Also: «... muss man keine Strasse mehr überqueren, ...»

«Als Aussenstehender ist kaum erkennbar, wofür die 51 Millionen Franken aufgewendet wurden.» - Richtig: «Ein Aussenstehender kann kaum erkennen, ...» oder «Für einen Aussenstehenden ist kaum erkennbar, ...» oder eben «Als Aussenstehender erkennt man kaum, ...» Der Bezug im ursprünglichen Satz ist nicht nur unsauber, sondern falsch. Nach «Als Aussenstehender ist kaum erkennbar, ...» könnte zum Beispiel stehen: «...wer so geschliffen schreibt».

«Aus diesem Grund kühlten sie die Kästen auf 13 Grad Celsius ab.» Wer «sie» sind, wurde zuvor nicht explizit gesagt. Diese umgangssprachliche Wendung häuft sich in letzter Zeit, nicht nur im «Bund». Ich finde, gedruckt sollte man für solche Fälle bei «man» bleiben. Nebenbei: «Celsius» ist hier eine überflüssige Präzisierung; es werden wohl nicht Grad Réaumur, Fahrenheit oder gar Kelvin sein.

10.7.2009

Google und Wikipedia sind Trumpf

Von Nick Lüthi um 09:35 [ Medienwelt ]
Es ist eines der bestgehüteten Geheimnisse im Internet. Nach welchen Kriterien die allmächtige Suchmaschine Google ihre Treffer anzeigt, unterliegt einem patentierten Rechensatz. Nur in Grundzügen ist bekannt, weshalb welche Webseiten mit einer bestimmten Prominenz an die Oberfläche gespült werden.

Unverständliches, Verborgenes und Geheimgehaltenes provoziert den Journalistengeist. Doch in diesem Fall bringt die beste Recherche nichts. Ein Weltkonzern gibt sein Erfolgsgeheimnis nicht einfach so preis. Damit bleibt nur eines: C’est à prendre ou à laisser. Und die Journalisten entscheiden sich fürs Nehmen und nicht fürs Lassen.

Wie die Ergebnisse einer neuen Studie der Zürcher Hochschule in Winterthur zeigen, nutzen 99,8 Prozent aller Schweizer Journalisten Google für ihre Arbeit. Das Problem aus Sicht der Forscher: «Was Google nicht findet, gelangt sehr schwer in die journalistische Themenfindung oder Recherche.» Und Google findet bei Weitem nicht alles. Denn – zum Glück – gibt es noch Bereiche ausserhalb der Googlesphäre im Netz. So verhindert nahezu jede vierte Webseite aktiv, dass sie komplett oder in Teilen von Suchmaschinen indexiert wird.

Bei der grossen Beliebtheit von Google als «Rechercheinstrument» erstaunt es nicht weiter, wenn auch Wikipedia ähnlich hohe Sympathiewerte unter Medienschaffenden geniesst. Denn wer einen Begriff googelt, stösst in vielen Fällen als Erstes auf die Artikel aus der Mitmach-Enzyklopädie. Selbst gestandene Berufsleute können der Versuchung nicht immer widerstehen. So macht sich zum Beispiel der Musikkritiker vor dem Konzertbesuch noch schnell in der Wikipedia zur Biografie des Künstlers schlau. Das mag im Einzelfall sogar vernünftig sein, nicht nur arbeitsökonomisch für den Journalisten, sondern auch für die Leser, die möglicherweise eine fundiertere Kritik lesen, weil sie mit wichtigen Fakten unterlegt wurde.

Im Grossen und Ganzen muss der Befund dieser Befragung aber Anlass zur Sorge geben. Wenn ein einziges Instrument und eine einzige Quelle dermassen stark den Journalismus prägen, verengt das den Blick auf die Welt. Denn bei Google und Wikipedia sind die Ergebnisse vorgeformt. Nun ist es nicht so, dass es an Alternativen mangeln würde. Und zwar nicht einfach eine andere Suchmaschine oder ein weiteres Online-Lexikon. Sondern grundlegend andere Formen der Wissensvermittlung im Internet.

Das leisten Blogs oder Twitter oder handverlesene, öffentliche Linksammlungen à la Delicious. Doch davon wollen Journalisten nichts wissen. Solchen Angeboten mangle es an Glaubwürdigkeit, findet eine überwiegende Mehrheit jener 600 Berufsleute, die an der Befragung teilgenommen haben. Die Begründung überrascht, zumal die gleichen Leute Wikipedia für eine sehr glaubwürdige Quelle halten. Unzählige Blogs abzuklopfen auf verwertbare Informationen ist alleweil aufwendiger, als einen Begriff in den Google-Schlitz einzutippen. Denn dort kommt immer etwas raus.

[i] Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

06.7.2009

Atomare Abenteurer

Von Artur Vogel um 20:15 [ Zur Lage der Welt ]
Und wieder geistert die Drohung durch die Welt: Man könne Israel nicht daran hindern, Iran anzugreifen, um dessen atomares Potenzial zu zerstören, sagte US-Vizepräsident Joseph Biden vorgestern in einem TV-Interview.

Kommentatoren deuteten diesen Satz flugs als Indiz für eine Abkehr Präsident Barack Obamas von der bisherigen Verhandlungsdiplomatie mit dem Mullah-Regime. Obama selber bezeichnete gestern in Moskau die atomare Abrüstung als vordringliches politisches Ziel.

Die Frage stellt sich, wie gefährlich die Atomwaffe in iranischem Besitz überhaupt wäre. Wer die Gedenkstätte in Hiroshima besucht, bekommt zwar die grauenhafte Situation einer Stadt und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner nach einem atomaren Schlag anschaulich vor Augen geführt. Und heutige Bomben übertreffen jene kruden amerikanischen Todbringer vom Ende des Zweiten Weltkriegs in ihrer Zerstörungskraft um ein Vielfaches.

Jedoch hat uns der Kalte Krieg gelehrt, dass Atomwaffen eine andere Funktion haben als der ganze Rest des Kriegsgeräts, dessen Entwicklung die Menschheit akribisch vorantreibt. «Smarte« Bomben, Cruise Missiles, Stealth-Bomber und Streumunition werden gebaut, um irgendwann irgendwo gegen irgendwen eingesetzt zu werden.

Nicht so Atombomben. Sie waren, mindestens im Zeitalter der ost-westlichen Rivalität, ein reines Mittel der Abschreckung: In Washington wie Moskau, Paris wie in Peking oder London herrschte Einigkeit, dass ein atomarer Angreifer fast zwangsläufig die Zerstörung des eigenen Landes provoziert hätte.

Es besteht allerdings keine Gewähr, dass sich diese Erfahrung in jedem Fall bestätigen wird. Sogar die einstigen Grossmächte haben sich mehrmals an den Rand eines atomaren Konflikts manövriert.

Die grösste nicht-deklarierte Atommacht, Israel, hat sich Syrien und andere Nachbarn erfolgreich vom Leibe gehalten, aber politische Spinner haben auch schon öffentlich nach Atomangriffen gerufen, etwa gegen Irak, als dort Saddam Hussein herrschte.

Nicht auszudenken wären die Konsequenzen, wenn Verrückte wie Moamar al-Ghaddafi in den Besitz der Bombe gelangten. Eher beunruhigend wäre auch eine Atombombe in nordkoreanischem Besitz. Und Grund zu dringender Besorgnis bestünde, wenn der Atomstaat Pakistan auseinander bräche und islamistische Fanatiker die Hand an den Drücker legen könnten.

Dass Leute wie Mahmud Ahmadinejad, so fanatisch ihre Rhetorik klingen mag, in der gleichen Liga wie die Taliban oder al-Kaida spielen, darf bezweifelt werden. Sein 70-Millionen-Volk dem Risiko der atomaren Annihilation auszusetzen, kommt wohl auch dem Scharfmacher von Teheran kaum in den Sinn.

Hingegen ist durchaus erschreckend, dass die Hemmschwelle für den Erwerb und die stolze Zurschaustellung von Atomwaffen gesunken ist; Indien und Pakistan haben sich um die Weltmeinung foutiert, Nordkorea und Iran foutieren sich ebenfalls.

Wenn sie sich in atomare Abenteuer stürzen können, ohne dass man sie international ächtet und notfalls zur atomaren Abstinenz zwingt, dann werden auch andere Möchtegernmächte den Erwerb dieser Waffe überlegen. Die Sicherheit wäre dann nachhaltig und weltweit gefährdet.

29.6.2009

Antizyklischer Tourist

Von Artur Vogel um 20:26 [ Zur Lage der Welt ]
Wenn am Gotthard-Nordportal die Verstopfung beginnt, deutet das darauf hin, dass die Ferienzeit anbricht und sich der arbeitstätige Mensch für ein paar kostbare Wochen in einen Touristen verwandelt.

In diesen Wochen darf nichts schiefgehen, und deshalb ist der Mensch heikel in der Wahl seiner Ferienziele: Sri Lanka dürfte für einige Zeit aus dem Rennen fallen, nachdem die Armee die Tamil Tigers in einem blutigen Kampf in die Knie gezwungen hat.

In Ägypten fielen nach islamistischen Attentaten schon ganze Saisons ins Wasser, und momentan ist Mexiko wegen der Schweinegrippe als Reiseland ebenso tabu wie einst Hongkong wegen Sars und weite Gebiete Asiens wegen der Vogelgrippe.

Sars, Vogel- und Schweinegrippe haben gemein, dass sie – ähnlich wie einst Waldsterben oder Rinderwahnsinn – vor allem ein Medienphänomen sind. Doch schwappen sie direkt ins reale Leben über, wie die Finanzkrise in die reale Wirtschaft übergeschwappt ist.

Denn weil der Tourist empfindlich ist bei der Wahl seiner Destination, bleibt er weg, sobald er Gefahr wittert. Das Nachsehen haben Hoteliers, Reisebüros, Transportunternehmen und andere im Tourismus Tätige.

Zwar ist das Risiko nicht zum Vorneherein ein Verkaufshindernis. Viele gelangweilte Büromenschen bringen im Urlaub ihren sonst flauen Adrenalinspiegel mit Tiefseetauchen, Bungee Jumping oder River Rafting in Wallung. Sie blochen auf Motorrädern über viel befahrene Autostradas, verzichten im intimen Umgang mit Einheimischen auf den «Gummi drum», tummeln sich im lawinenträchtigen Tiefschnee oder rennen in Turnschuhen auf den Kilimandscharo.

Der Nervenkitzel, den man sich selbst erschaffen hat, gehört also zur Gundausstattung eines Urlaubs. Doch das Risiko, das einem aufgedrängt wird – und sei es auch nur ein vermeintliches – wird auf der Negativseite verbucht.

Der Tourist will sein im Arbeitsalltag eingestauchtes Ego mit ein paar Heldentaten aufmöbeln. Dazu geeignet allerdings sind nur jene Länder, die sich darauf beschränken, als Kulisse für die Inszenierung zu dienen. wohingegen andere, die ihre internen Probleme vor dem Touristen ausbreiten, von diesem gemieden werden.

Das Risiko akzeptiert der Tourist nur, wenn er es selber geschaffen hat. Ansonsten sollen die Ferien so risikofrei, bequem und sicher sein, als wäre man zu Hause geblieben.

Allerdings ist das Risiko unberechenbar. So dachten die 228 Menschen, die am 1. Juni in Rio de Janeiro einen Air-France-Airbus bestiegen, dass sie heil in Paris anlangen würden, zumal Flugzeuge noch immer zu den sichersten Transportmitteln gehören.

Umgekehrt hat es sich bewährt, tabuisierte Touristenziele anzusteuern, die Golf-Emirate während den Golfkriegen, Israel während der Intifada, Thailand nach dem Tsunami. Wenn die Touristenmassen ausbleiben, präsentieren sich Länder und Leute von ihrer besseren Seite; die Menschen haben Musse, der Tourist fühlt sich nicht als Mitglied einer Herde oder Horde.

Ferienreisen und Wirtschaftskrise haben also eine weitere Gemeinsamkeit: Sie belohnen den, der sich antizyklisch verhält. Daheimbleiben ist jedenfalls keine Alternative: Am meisten Menschen sterben bekanntlich im Bett.

26.6.2009

In Medias Res: Gefährliches Geben und Nehmen

Von Nick Lüthi um 08:41 [ «Bund intern» ]
Sie nennen es «gute Rahmenbedingungen», meinen aber in erster Linie Geld vom Staat. Wenn es darum geht, öffentliche Mittel zu kassieren, hatten Schweizer Zeitungsverleger noch nie Hemmungen. Egal, ob bar auf die Hand oder indirekt durch Vergünstigungen – man nimmt, was kommt. Und murrt dann, wenn der Staat die Spielregeln durchsetzt, die er als Bedingung für die Mittelvergabe aufgestellt hat.

Nun machen sie wieder die hohle Hand: In einem unlängst veröffentlichten «Medienpolitischen Manifest» fordert der Branchenverband der Verleger einen Ausbau der indirekten Presseförderung mittels ermässigter Posttarife sowie eine Befreiung von der Mehrwertsteuer. Davon erhofft sich die Verlagsbranche eine Entlastung um bis zu 600 Millionen Franken pro Jahr. Geld, so meinen die Herren Verleger, das ihnen quasi zustehe, weil der Staat die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren um den entsprechenden Betrag verschlechtert habe.

Angesichts der nach wie vor unabsehbaren Folgen der Wirtschaftskrise scheint diese Forderung durchaus berechtigt. Weshalb sollte der Staat, der mit viel grösseren Beträgen eine Bank als Stütze der Volkswirtschaft am Leben erhält, nicht auch die für eine funktionierende Demokratie unverzichtbaren Medien unterstützen? Zumal kein Franken direkt flösse, sondern die Medienunternehmen lediglich um gewisse Ausgaben entlastet würden.

Um Geld geht es hier aber nur an zweiter Stelle. Im Zentrum steht die Frage nach der Medienordnung in der Schweiz. Mit ihrem Manifest versuchen die Verleger, der Politik zuvorzukommen, die sich intensiver als auch schon mit der Befindlichkeit der Medienbranche befasst. Andreas Gross zum Beispiel, SP-Nationalrat und Medienpolitiker, könnte sich «im gesellschaftlichen Interesse» eine subventionierte Presse durchaus vorstellen. Davon aber wollen die Verleger nichts wissen. Denn ihnen ist klar: Geld vom Staat gibt es nicht ohne Gegenleistung. Selbst «gute Rahmenbedingungen», wie sie sich die Verleger wünschen, sind nicht gratis zu haben. Die Politik sei ja nicht blöd, meinte dazu Verbandspräsident Hanspeter Lebrument vor einem Monat in der «Basler Zeitung»: «Es werden deshalb sicher keine besseren Rahmenbedingungen für die Presse geschaffen, die nicht auch Einschränkungen enthalten.» Es ist also ein Geben und Nehmen zwischen Presse und Politik. Es sei denn, die Verleger machen nicht länger die hohle Hand und besinnen sich wieder auf ihre gesellschaftliche Rolle und Verpflichtung, die sie nur unabhängig von Staat und Politik ausüben können.

Selbst wenn es als Gebot der Stunde erscheinen mag, die ausgezehrten Zeitungen zu unterstützten, sollte sich der Staat zurückhalten mit finanzieller Unterstützung für die privaten Medienhäuser. Nicht anders als bei den Banken würde mit solchen Geldern die verfehlte Geschäftspolitik der letzten Jahre honoriert. Viele der Unternehmen, die nun dutzendfach Personal entlassen, haben lange Zeit sehr gut gelebt. Wenn nun trotz schwacher Konjunktur die Aktionäre und Eigentümer nicht bereit sind, ihre Renditeerwartungen der Realität anzupassen, dann darf sicher nicht der Staat einspringen, um die masslose Geldgier weiter zu befriedigen.

22.6.2009

Halbe Romands

Von Artur Vogel um 19:21 [ Zur Lage der Welt ]
Wer einen Unfallchirurgen, eine Mathematiklehrerin, einen Software-Entwickler oder eine Deutsch-chinesisch-Übersetzerin sucht, wird ein Anforderungsprofil für die neue Arbeitskraft erstellen und ein entsprechendes Stelleninserat schalten.

Klar, dass Gynäkologinnen, Altphilologen, Maschinenmechaniker oder Übersetzer, die auf Arabisch und Englisch spezialisiert sind, keine Chance haben.

Die prominenteste freie Stelle wird seit Tagen in der Schweizer Presse, und vor allem in jener der Suisse Romande, heftigstens diskutiert. Das Profil dafür müsste, stark abgekürzt, etwa so lauten:

Die Vereinigte Bundesversammlung sucht ein neues Mitglied des Bundesrats, das vermutlich dem Eidgenössischen Departement des Innern vorstehen wird. Der Bewerber (es darf auch eine Frau sein) muss seine überdurchschnittlichen Führungsqualitäten andernorts unter Beweis gestellt haben. Er muss in der Lage sein, zusammen mit seinen Spitzenbeamten hochkomplexe Lösungen für hochkomplexe Problematiken im Bererich des Gesundheitswesen wie auch der Sozialversicherungen zu entwickeln. Für diese muss er im Bundeserat Mehrheiten finden, danach im Parlament, welches seit Jahren durch Interessenvertreter der Pharmaindustrie, der Ärzteschaft, der Krankenkassen und Versicherungen blockiert wird, und schliesslich oft auch in Volksabstimmungen. Hiezu muss er über ein ausgeprägtes Durchsetzungsvermögen, gepaart mit diplomatischen, politischen, psychologischen und rhetorischen Fähigkeiten verfügen. Dem künftigen Amtsinhaber stehen ein Dienstwagen und bei Bedarf ein Helikopter oder ein Kleinflugzeug zur Verfügung. Die Entlöhnung ist im Vergleich zu den geforderten Qualifikationen als stark unterdurchschnittlich zu bewerten. Offerten sind bis bis spätestens 12. September 2009 zu richten an Chiara Simoneschi-Cortesi, Präsidentin des Nationalrates, 3000 Bern Bundeshaus.

Die Schweiz sucht also einen Supermann (beziehungsweise eine Superfrau).

Denn wenn die Entwicklung im gleichen Tempo weitergeht, werden sich Durchschnittsverdiener die Krankenkassenprämien bald nicht mehr leisten können, und Bund und Kantone das gesamte Gesundheitswesen nicht mehr. Und die Invalidenversicherung rast mit bedrohlichem Tempo Richtung Abgrund, wohin sie auch die AHV mitreissen könnte.

Theoretisch wäre es möglich, dass ein bisheriges Mitglied des Bundesrats dieses Departement übernimmt. Aber praktisch? Die EDA-Chefin war einst schon dem Genfer Finanzdepartement nicht gewachsen. Der Chef des UVEK sollte zurücktreten, ebenso der Finanzminister. Die Wirtschaftsminiserin hat genug Probleme am Hals. Die Justizministerin ist erst seit kurzem im Amt, ebenso der Verteidigungsminister, der erst die «beste Armee der Welt» erschaffen muss, bevor er das Departement wechseln darf.

Nur der Beste wäre gut genug – vielleicht. Doch worüber wird in den Medien und Parteien diskutiert? Darüber, welcher potenzielle Kandidat ein echter, halbechter oder unechter Romand sei. Ob nicht ein Tessiner aufs Tapet müsste? Ob die Schweiz auseinanderbricht, weil eine Mehrheit der Deutschschweizer sich auch einen der Ihren auf dem begehrten Sitz vorstellen könnte. Ob die Waadt genug Stimmen mobilisieren kann, um einen Freiburger zu verhindern. Ob die CVP oder der Freisinn oder die SVP ein Recht auf das dank Pascal Couchepins Rücktritt freigeworde Amt hätten, und ob die Grünen wieder mit einer Spasskandidatur aufwarten werden.

Eine Diskussion also, wie man sie sich kleinkarierter und füdlibürgerlicher kaum vorstellen kann, und die, wie so oft in der Geschichte, unweigerlich zu einem helvetischen Kompromiss führen wird, das heisst zu einem Resultat, bei dem die durchschnittliche Unzufriedenheit gleichmässig verteilt ist und ein Kandidat (eine Kandidatin) gewählt wird, der in etwa dem helvetischen politischen Durchschnitt entspricht – was im vorliegenden Fall schlicht nicht genügt.

Ausgerechnet SVP-Präsident Toni Brunner hat in der Kandidaten-Kakaphonie die bisher kreativste Idee geäussert: Jean-Pierre Roth, abtretender Vorsitzender des Direktoriums der Nationalbank.

Roth hat in jener heissen Phase, als die UBS zu kollabieren drohte, einen kühlen Kopf bewahrt und gangbare Lösungen ausgearbeitet. Und er kann einen Trumpf ausspielen, der sogar bei der welschen Boulevardpresse sticht: Er ist ein waschechter Romand aus dem Aprikosendorf Saxon im Unterwallis, der zwar gut Deutsch spricht, aber nicht so gut, als dass er schon wieder in den Verdacht geriete, ein verkappter Suisse toto zu sein.

Ob Roth, 63 Jahre alt, sich aufstellen liesse, steht allerdings auf einem andern Blatt. Zumal er nicht den Hauch einer Wahlchance hat. C'est la vie; c'est la Suisse.

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