20.7.2008

Laientheater

Von Artur Vogel um 12:41 [ Aus unserem Alltag ]
Summertime, und die Nachrichten sind spärlich. Dankbar nehmen die Medien jede einigermassen attraktive Geschichte auf; was sonst vielleicht nur in einer Randspalte erwähnt worden wäre, gibt plötzlich genug Stoff für Frontaufmacher, Kommentare und Leitartikel her. Den Vorgang nennen wir "Sommertheater", und das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) hat schon ein paarmal das Drehbuch geliefert.

Geraten Geschichte aus dem Privatleben in die Medien, gibt es drei Möglichkeiten zu reagieren:

Erstens: Man erklärt den ganzen Vorgang zur Privatsache und sagt nichts dazu. Nichts heisst: nichts. Das gibt den Medien Gelegenheit zu Spekulationen ("Midrisk-Journalismus" nannte der Chefredaktor einer einschlägigen Sonntags-Zeitung diesen Vorgang.) Nach zwei, drei Tagen sind diese erschöpft, und die Story stirbt eines natürlichen Todes.

Zweitens: Es ist schon zu viel durchgesickert, und so entschliesst man sich, alles offenzulegen. Alles heisst: alles. Das gibt fette Schlagzeilen für einen oder zwei Tage, bevor die Story wegen akuter Erschöpfung abserbelt.

Die dritte, für die Medien weitaus attraktivste Version ist diese: Man dementiert erst halbherzig, gibt dann scheibchenweise ein paar halbbatzige Details bekannt, verwickelt sich in Widersprüche, lässt sich der Lüge, Halbwahrheit oder Ignoranz überführen und überlässt es den Journalisten, das Beiwerk zu recherchieren oder zu erfinden. Oftmals gewürzt mit einer gehörigen Portion Heuchelei (an die andern werden moralische Massstäbe angelegt, die man selber niemals erfüllen könnte), kann so der gröbste Voyeurismus zur politisch relevanten, aufklärerischen Tat hochstilisiert, die Geschichte wochenlang am Köcheln gehalten werden. Sie führt nicht selten zu Rücktritten, die den Journalisten dann rückwirkend die moralische Legitimation für ihr Handeln geben.

Vorbilder für diese dritte Methode gibt es zuhauf, von Richard Nixon (Watergate, musste zurücktreten) über Bill Clinton (Frauengeschichten, entging dem Impeachment knapp) bis Botschafter Thomas Borer (Frauengeschichten, musste zurücktreten). Die Kommunikationsspezialisten im VBS haben offensichtlich ihre Lektionen gelernt und ihren Chefs diese dritte Version empfohlen, welche die grösste Medienpräsenz garantiert. Wir wetten jetzt auf die Rücktritte.

Kommentare

Herr Lich
2008-07-20 21:06:59

Die Kommunikationsspezialisten im VBS haben offensichtlich ihre Lektionen gelernt

In der Tat. Wenn man seine Chefs weghaben will, muss man es so machen. Bravo!




Patric Eggen
2008-07-22 07:55:26

Schöne Anleitung... Und die Rolle der Medien? Würden sich denn die Medien selber kritisieren? Wohl nicht, denn sie wüssten, in welches Schlamassel sie sich reiten würden. Medienfreiheit über alles, die anderen haben sich anzupassen. Die Medien regieren die Welt!

hell2pay
2008-07-22 14:32:00

Herr Eggen möchte wol lieber einen Verlautbarungsjournalismus à la 50-er Jahre...

Diese Geschicte ist aber schon von einem anderen Kaliber als andere aufgebauschte Sommerloch-Storys, meine Herren!

Interessant dürfte jedenfalls sein, wie welche Informationen den Medien zugespielt wurden, welche Amtsgeheimnisverletzungen und anonymen Indiskretionen wie, wann und mit welchen Motiven passierten.

Andreas Hobi - andreas.hobi [at] schweizweit.net - http://schweizweit.net
2008-07-22 17:34:04

Da bezahlt man mit Steuergeldern dutzende von PR-Fachleuten und dann klappt es doch nicht...

Der Rücktritt von Nef ist nun so gut wie sicher. Folgt ihm auch Sämi Schmid? Zu wünschen wäre es.

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