10.7.2009

Google und Wikipedia sind Trumpf

Von Nick Lüthi um 09:35 [ Medienwelt ]
Es ist eines der bestgehüteten Geheimnisse im Internet. Nach welchen Kriterien die allmächtige Suchmaschine Google ihre Treffer anzeigt, unterliegt einem patentierten Rechensatz. Nur in Grundzügen ist bekannt, weshalb welche Webseiten mit einer bestimmten Prominenz an die Oberfläche gespült werden.

Unverständliches, Verborgenes und Geheimgehaltenes provoziert den Journalistengeist. Doch in diesem Fall bringt die beste Recherche nichts. Ein Weltkonzern gibt sein Erfolgsgeheimnis nicht einfach so preis. Damit bleibt nur eines: C’est à prendre ou à laisser. Und die Journalisten entscheiden sich fürs Nehmen und nicht fürs Lassen.

Wie die Ergebnisse einer neuen Studie der Zürcher Hochschule in Winterthur zeigen, nutzen 99,8 Prozent aller Schweizer Journalisten Google für ihre Arbeit. Das Problem aus Sicht der Forscher: «Was Google nicht findet, gelangt sehr schwer in die journalistische Themenfindung oder Recherche.» Und Google findet bei Weitem nicht alles. Denn – zum Glück – gibt es noch Bereiche ausserhalb der Googlesphäre im Netz. So verhindert nahezu jede vierte Webseite aktiv, dass sie komplett oder in Teilen von Suchmaschinen indexiert wird.

Bei der grossen Beliebtheit von Google als «Rechercheinstrument» erstaunt es nicht weiter, wenn auch Wikipedia ähnlich hohe Sympathiewerte unter Medienschaffenden geniesst. Denn wer einen Begriff googelt, stösst in vielen Fällen als Erstes auf die Artikel aus der Mitmach-Enzyklopädie. Selbst gestandene Berufsleute können der Versuchung nicht immer widerstehen. So macht sich zum Beispiel der Musikkritiker vor dem Konzertbesuch noch schnell in der Wikipedia zur Biografie des Künstlers schlau. Das mag im Einzelfall sogar vernünftig sein, nicht nur arbeitsökonomisch für den Journalisten, sondern auch für die Leser, die möglicherweise eine fundiertere Kritik lesen, weil sie mit wichtigen Fakten unterlegt wurde.

Im Grossen und Ganzen muss der Befund dieser Befragung aber Anlass zur Sorge geben. Wenn ein einziges Instrument und eine einzige Quelle dermassen stark den Journalismus prägen, verengt das den Blick auf die Welt. Denn bei Google und Wikipedia sind die Ergebnisse vorgeformt. Nun ist es nicht so, dass es an Alternativen mangeln würde. Und zwar nicht einfach eine andere Suchmaschine oder ein weiteres Online-Lexikon. Sondern grundlegend andere Formen der Wissensvermittlung im Internet.

Das leisten Blogs oder Twitter oder handverlesene, öffentliche Linksammlungen à la Delicious. Doch davon wollen Journalisten nichts wissen. Solchen Angeboten mangle es an Glaubwürdigkeit, findet eine überwiegende Mehrheit jener 600 Berufsleute, die an der Befragung teilgenommen haben. Die Begründung überrascht, zumal die gleichen Leute Wikipedia für eine sehr glaubwürdige Quelle halten. Unzählige Blogs abzuklopfen auf verwertbare Informationen ist alleweil aufwendiger, als einen Begriff in den Google-Schlitz einzutippen. Denn dort kommt immer etwas raus.

[i] Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

12.6.2009

So schwach die einen, so stark die anderen

Von Nick Lüthi um 10:37 [ Medienwelt ]
Immer weniger Journalisten arbeiten noch auf ihrem angestammten Beruf. Allen voran die Zeitungsverlage bauen seit einem Jahr nahezu im Akkord Stellen ab, ein Ende ist nicht abzusehen. Bis heute haben in der Schweiz rund fünfhundert Journalistinnen und Journalisten ihre Arbeit verloren. Auch der «Bund» muss bekanntlich ab Herbst mit wesentlich weniger Personal auskommen.

Wollen die Entlassenen weiterhin irgendetwas mit Medien machen, dann finden sie ihre künftige Anstellung mit grösserer Wahrscheinlichkeit bei einer Behörde denn auf einer Redaktion. Denn hier werden Stellen geschaffen. Kommunikation kennt keine Krise. Allein die Bundesverwaltung hat im vergangenen Jahr den Personalbestand im Bereich Öffentlichkeitsarbeit um zehn Prozent aufgestockt, er umfasst inzwischen 260 Vollstellen. Ein Grossteil der Neuzugänge als Sprecher, Kommunikationsleiter und Informationsspezialisten kommt direkt aus dem Journalismus.

Der ehemalige Vizekanzler und Bundesratssprecher Oswald Sigg hat eine ebenso einfache wie denkwürdige Erklärung für diese Entwicklung: je schwächer die Medien, desto stärker der Kommunikationsapparat der Bundesbehörden. Sigg wörtlich: «Der Ausbau erfolgte nach Massgabe des Rückgangs der Politikvermittlung durch die traditionellen Medien.»

Dass diese Begründung nicht einfach als billige Ausrede für eine aufgeblähte Verwaltung herhalten muss, zeigt das Berufsverständnis ehemaliger Journalisten, die heute für Bundesämter sprechen und kommunizieren. «Wir helfen ein Stück weit zu kompensieren, was an Fachwissen auf den Redaktionen verloren gegangen ist», sagt ein Amtssprecher. Zum einen erfolgt diese Kompensation in Form von pfannenfertigen Infohäppchen, wie sie die Medien vermehrt verlangen.

Zum anderen suchen die Behörden und Amtsstellen verstärkt den direkten Draht zur Bevölkerung. Das erfolgt immer öfter über das Internet. Mit ihren ausgebauten Online-Informationsangeboten treten die Behörden in direkte Konkurrenz zu den Medien. Wer sich aus erster Hand über, sagen wir, die Schweinegrippe informieren will, kann sich durch ein umfassendes Angebot auf den Webseiten der Bundesämter für Gesundheit oder Veterinärwesen klicken.

Nun sind Behördenkommunikation und Journalismus ganz unterschiedliche Disziplinen. Aufgabe der Medien als «vierte Gewalt» im Staat wäre es ja gerade, «den Inhabern der Macht auf die Finger zu sehen» (Schneider/Raue). Wenn nun die «Inhaber der Macht» selbst informieren, dann erfolgt das immer interessen- und auftragsgeleitet und nicht primär in der Absicht, uneigennützig aufzuklären. Unter diesem Blickwinkel muss das stetige Anwachsen des Sprecher- und Kommunikatorenheers beim Bund Anlass zur Sorge geben.

Da nun viele dieser Informationsbeamten die Verhältnisse im real existierenden Journalismus aus eigener Erfahrung kennen, sprich: selbst auf ausgedünnten Redaktionen gearbeitet haben, wissen sie, wie anfällig geschwächte Medien sind für Behördenpropaganda. Es liegt daher massgeblich an ihnen, ob sie das aktuelle Ungleichgewicht zu ihren Gunsten missbrauchen.

Nick Lüthi, Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

29.5.2009

Neue Gewissheiten

Von Nick Lüthi um 10:40 [ Medienwelt ]
Überall das gleiche Bild: Ob Radio, TV, Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher – noch nie in der modernen Mediengeschichte sahen sich so viele bewährte Geschäfts- und Existenzmodelle auf einmal infrage gestellt.

Anders als bei der Erfindung des Buchdrucks hat die «Universalmaschine Internet» ein Spektrum erfasst, das sich noch gar nicht ermessen lässt. Allmählich scheint sich deshalb die Einsicht durchzusetzen, dass die «alten» Medien nicht einfach in veränderter Form weiterexistieren, sondern vielmehr neue, erst ansatzweise bekannte Formen der Nachrichtenvermittlung entstehen würden. Damit hat das Gesetz von Riepl ausgedient. Wolfgang Riepl, Altphilologe, Journalist und Chefredaktor der «Nürnberger Nachrichten», stellte um 1913 die These auf, wonach neue Medien ihre Vorgänger nie komplett ersetzen, sondern höchstens ergänzen oder verändern würden. Nach fast hundert Jahren muss der alte Riepl nun den Hut nehmen.

Während das Alte sich allmählich verabschiedet – die Zeitungskrise lässt grüssen – und das Neue erst bruchstückhaft am Netzhorizont aufscheint, könnte sich Raum öffnen für Debatten und Experimente, wo nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum neue Geschäftsmodelle, neue Formen von Journalismus ausprobiert werden könnten. Doch diese Spielwiesen muss jemand anlegen. Von selbst entstehen sie nicht.

Vielmehr ist die aktuelle Situation von Rat- und Fantasielosigkeit geprägt. Medienmacher beschwören alte Gewissheiten und pflegen liebgewonnene Feindbilder, sie sprechen lieber über die Form (Zeitung), statt über den Inhalt (Journalismus). Kriegserklärungen an das Internet gehören auch ins Repertoire der Bewahrer.

Kulturpessimistische Ergüsse, wie jener eines Adam Soboczynski unlängst in der «Zeit», der im Internet den Hort der Anti-Intellektualität erkannt haben will, bleiben zum Glück nicht unwidersprochen. «Man könnte meinen, dieser Netzwut läge Angst zugrunde. Vor der Umstellung auf einen Journalismus, der nicht nur für die Leser, sondern auch mit den Lesern arbeitet», konterte Gero von Randow, ehemaliger Leiter von «Zeit online».

Nur: So leichtfertig es sich von einer «Umstellung» reden lässt, so schwierig ist es, jahrzehntealte Muster zu durchbrechen. Solange es ausser Leserbrief und Hörertelefon keine Möglichkeit zur Rückmeldung für das Publikum gab, blieben die Unzulänglichkeiten des real existierenden Journalismus einer breiteren Öffentlichkeit verborgen. Kritik drang nur in Einzelfällen auch bis zu den Redaktionen vor.

Heute steht der Journalismus unter permanenter Beobachtung.
Geschichten lassen sich von jedermann nachrecherchieren. Wer die Fakten besser kennt als der Berichterstatter, kann sie umgehend veröffentlichen. Und viele tun dies auch, manche nicht eben mit geschliffener Wortwahl, sondern grob und ungehobelt. Das kommt natürlich nicht gut an bei den kritisierten Journalisten.

Doch eigentlich zeigt diese Form der Publikumskritik vor allem eines: Was die Medien tun, interessiert – die beste Voraussetzung also für einen Journalismus mit dem Publikum. Das wäre immerhin schon eine Gewissheit, auf die neue und erneuerte Medien bauen könnten.

[i] Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

15.5.2009

Widerstand ist zwecklos

Von Nick Lüthi um 12:13 [ Medienwelt ]
Wie kein anderes Unternehmen prägt Google den Medienwandel – zu seinen Gunsten. Dem Geschäftsgebaren des Technologie-Giganten vermögen ganze Branchen nicht mehr zu widerstehen. Bestenfalls gibt es einen von Google diktierten Kompromiss.

Was das für angestammte Branchen bedeutet, haben jüngst Buchautoren und Verleger erfahren. Ohne ihre Einwilligung digitalisierte Google Hunderttausende von Büchern. Eine Entschädigung der Urheber war nicht vorgesehen. Erst als die Entrechteten ihre Forderungen immer lautstarker erhoben und schliesslich vor Gericht zogen, zeigte sich Google bereit, mit einem Batzen aus der Portokasse den Streit zu beenden. 125 Millionen Dollar schüttete das Unternehmen an Verlage und Autoren aus. «Zähneknirschend» hat nun auch der Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband den Deal akzeptiert – und damit im Prinzip vor der schieren Macht des Unternehmens kapituliert.

Google handelt ganz in der Tradition des amerikanischen Pioniergeists: Ungeachtet bestehender (Rechts-) Ansprüche erschliessen die Kalifornier neue Territorien und «entschädigen» die Alteingesessenen mit Glasperlen. Die nächsten Indianer nach den Buchverlegern sind ihre Kollegen von den Zeitungen. So sehen sie sich zumindest selbst.

Doch Buch und Zeitung lassen sich nur beschränkt vergleichen. Eine unmittelbare Rechtsverletzung wie im Fall der Buchdigitalisierung findet bei den Zeitungen nicht statt. Google steigt nicht in Bibliotheken, sondern indiziert nur, was die Verlage im Netz frei anbieten. Und das sind eben auch Zeitungsartikel und Pressebilder.

Das geschieht überhaupt nicht zur Freude vieler Verleger. Auch sie sehen ihre Rechte tangiert. Insbesondere die Plattform Google News, wo die Suchmaschine Schlagzeilen und Textanrisse von Zeitungsartikeln zusammenträgt, ist den Verlagen ein Dorn im Auge. Ebenso der Zwischenspeicher («Cache»), wo Google die Inhalte von Dritten ablegt und auch dann noch verfügbar hält, wenn das Original bereits gelöscht wurde.

In mehreren Ländern gingen die Verleger deshalb gerichtlich gegen Google vor. Mit vereinzelten Erfolgen. In Norwegen etwa hat Google auf den Protest der Verleger reagiert, indem sie darauf verzichtet, Bilder aus norwegischen Medien auf dem Nachrichtenportal anzuzeigen. In der Schweiz konnten sich die Verleger, trotz martialischer Rhetorik, nicht zu einer Klage durchringen und murren stattdessen bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen den Giganten aus Kalifornien.

Der ganze Streit mutet insofern absurd an, als es jedem Betreiber einer Website freisteht, sich aus dem Google-Universum zu verabschieden. Der banale Kniff dazu heisst robots.txt. Wer diese Buchstabenfolge ins Stammverzeichnis seiner Website einfügt, hält Suchmaschinen davon ab, die Inhalte in ihren Index aufzunehmen. Diese Lösung propagiert Google sogar aktiv.

Bei ihrem Auftritt Anfang Mai vor einem Ausschuss des US-Senats zur «Zukunft des Journalismus» stellte Marissa Mayer, Verantwortlich für die Google-Suchprodukte, prominent die Funktionsweise von robots.txt vor. Doch offensichtlich wollen die Verleger den ausgerollten roten Teppich nicht beschreiten. Denn sie wissen genau, dass ihnen die Suchmaschine eine stattliche Anzahl Zugriffe auf ihre Online-Angebote bringt. Und das wiederum erhöht die Attraktivität der Seiten als Werbefläche.

Nun hoffen ein paar Schwergewichte aus der Medienbranche, Google sprichwörtlich ins Leere laufen zu lassen. So plädieren etwa der milliardenschwere Medientycoon Rupert Murdoch und Michael Ringier vom gleichnamigen Zürcher Verlagshaus für die Kostenpflicht journalistischer Inhalte im Internet. Sollten die Nutzer tatsächlich bereit sein, für etwas zu zahlen, das es heute massenweise gratis gibt, dann träfen die Verleger zwei Fliegen auf einen Streich: Zum einen würden sie endlich Geld verdienen mit dem Artikelverkauf im Internet, zum anderen wären Texte und Bilder in den kostenpflichtigen Archiven der Sammel- und Speicherwut von Google entzogen.

Die Fragezeichen hinter diesem Vorgehen sind gross. Nachrichten und journalistische Texte haben im Internet noch nie zu den begehrtesten Angeboten gezählt, geschweige denn zu den lukrativsten. Ein Markt für kostenpflichtige Inhalte existiert nicht, ausser für Fachmedien und akademische Publikationen.

Solange sich die Zeitungsverleger nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können und jeder für sich eine Online-Strategie zusammenschustert, bleibt Google der lachende Dritte. Und sollten sich die Medienunternehmen wider Erwarten zusammenraufen und juristisch gegen den Suchgiganten vorgehen, kann dieser immer noch ein Kässeli öffnen, wie er es mit den Buchverlagen getan hat; gegen Google ist Widerstand derzeit zwecklos.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

24.4.2009

Für jeden Spass zu haben

Von Nick Lüthi um 09:36 [ Medienwelt ]
Die Aussage von Schauspieler Anatole Taubmann rundet den Gesamteindruck ab: «Bevor ich jeweils aus der Schweiz nach Berlin fliege, wo ich wohne, nehme ich mir immer einen Sack voller Sachen aus der Migros mit.» Die aktuelle Ausgabe von «Das Magazin», einer Beilage des «Tages-Anzeigers», der «Basler Zeitung» und der «Berner Zeitung», ist nichts anderes als der Migros-Geschäftsbericht, abgespeckt um den Zahlenteil. Eine einzige, lange Bildstrecke mit Menschen im Alter von 0 bis 100, darunter Taubmann, genau so abgebildet, wie sie der orange Riese in seinem Bericht zeigt. Eingerahmt werden die Porträts im «Magazin» von vier Seiten Migros-Werbung und Überresten der sonst üblichen Heftrubriken.

Wenn sich wie in diesem Fall Werbung und Eigenleistung der Redaktion nicht mehr sauber auseinanderhalten lassen, stehen Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der Medien auf dem Spiel. Dieses Risiko einzugehen, zeigen sich derzeit immer mehr Medien bereit. Für heftige Diskussionen und einen Aufstand der Redaktion sorgte unlängst eine im Stil eines redaktionellen Beitrags gehaltene Werbung auf der Titelseite der «Los Angeles Times». Der Verlag hatte das Inserat platziert, ohne die Redaktion zu konsultieren. «Der Leser sollte bewusst getäuscht werden», kommentiert dazu die «Süddeutsche Zeitung».

Anders als bei Radio und Fernsehen, wo «kreativen Lösungen» bei Werbung und Sponsoring gesetzlich enge Grenzen gesetzt sind, existiert bei der Presse ein relativ grosser Spielraum. Und der wird auch aktiv angepriesen und genutzt. Nahezu jeder Zeitungsverlag führt in seiner Dokumentation für die Werbekunden eine Rubrik «Sonderwerbeformen». Da wird aber längst nicht alles aufgelistet. «Nach Absprache» gibt es weitere. Wie etwa am letzten Sonntag, als vier Sonntagszeitungen auf ihren Titelseiten zentrale Gestaltungselemente in jenem Grün druckten, mit dem ein schwedischer Autohersteller seine Modelle anpreist. Aufgelöst wurde das Farbenrätsel mit einem grossflächigen Inserat auf den Seiten 2 und 3 – eine Premiere für «NZZ am Sonntag», «Sonntag» und «Zentralschweiz am Sonntag», die diesen prominenten Raum noch nie für Werbung hergegeben hatten.

Die Häufung solcher Gratwanderungen und Grenzüberschreitungen kommt nicht von ungefähr. Gerade Zeitungen müssen heute für jeden Rappen dankbar sein. So sagt man denn auch nicht Nein, wenn ein Autohersteller anklopft und eine Doppelseite mit Inseraten belegen will, die nach regulären Tarifen bei der NZZaS mit gegen 50000 Franken zu Buche schlägt. Über das Extra mit der Farbe dürfte man sich angesichts solcher Beträge schnell handelseinig geworden sein.

Inserenten sind zunehmend am längeren Hebel, wenn es darum geht, Bedingungen zu stellen, wie eine Zeitung ihre Werbung präsentiert. Denn 50000 Franken zu haben oder nicht zu haben, kann heute über Sein oder Nichtsein entscheiden. Zahlungskräftige Werbekunden zu verlieren, kann sich deshalb niemand leisten. Dass damit tatsächlich zu rechnen ist, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Wolfsburg in Deutschland, wo Media-Markt seine Inserate in der Lokalzeitung stoppte, nachdem diese kritisch über das Unternehmen berichtet hatte.

Wenn zudem die Werbeauftraggeber ihre Budgets reduzieren und so das Geld insgesamt spärlicher fliesst, dann braucht es nicht einmal eine missliebige Berichterstattung als Vorwand, um Inserate zu stornieren.

So hat die Migros jüngst beschlossen, «20 Minuten» künftig nicht mehr zu berücksichtigen, weil man sich über die Tarife nicht einigen konnte. Dem Pendlerblatt entgeht damit ein zweistelliger Millionenbetrag.

Die massgebliche Finanzierung moderner Medien durch Werbung war schon immer Fluch und Segen zugleich. Neben dem Geld brachte dieses Modell immer auch die Gefahr der Abhängigkeit mit sich. Inzwischen scheint das Pendel stärker in Richtung Fluch auszuschlagen. Grund dafür ist nicht zuletzt die schwindende Bereitschaft des Publikums, für Medien zu bezahlen. Deutlich zeigt sich dies bei der Kritik an der Höhe von Radio- und Fernsehgebühren oder bei den sinkenden Abonnentenzahlen vieler Tageszeitungen.

Gleichzeitig boomen Medien, die sich ausschliesslich über Anzeigen finanzieren, wie Pendlerzeitungen oder Internetsuchmaschinen. Die auf Redaktionen oft gehörte Drohung – «Noch ein solcher Beitrag, und ich kündige mein Abo!» – verhallt bei rein werbefinanzierten Medien im Leeren. Selbst wenn der Verkauf von Abonnementen nur einen Teil der Gesamteinnahmen einer Zeitung ausmachte, so bedeutete er doch eine direkte Bindung des Publikums an sein Medium; auf der anderen Seite ist so die Redaktion ihrem Publikum gegenüber stärker verpflichtet.

Fällt dieses Korrektiv weg, haben die Werbekunden mit ihren Forderungen zunehmend freie Bahn – mit fatalen Folgen für die Reputation der Medien.

03.4.2009

Jeden Tag 1. April

Von Nick Lüthi um 09:08 [ Medienwelt ]
Manche Medien begingen ihren 1. April in diesem Jahr bereits am 29. März oder am 31. März, unfreiwillig allerdings. So berichtete am Dienstag die Pendlerzeitung «Blick am Abend» unter dem knackigen Titel «Himmlische Ferien» vom ersten fliegenden Hotel, das im Juni in die Lüfte abheben werde. Der sogenannte Hotelicopter machte am Wochenende mit eindrücklichen Bildern von sich reden, die im Internet kursierten. Ein Monstrum von einem Fluggerät, ausgestattet mit 18 Luxussuiten und allem Drum und Dran. Sogar eine Webseite mit der Authentizität suggerierenden Adresse hotelicopter.com existiert, wo in einer Filmsequenz ein Testflug gezeigt wird.

Die Pendlerzeitung meinte es ernst mit ihrer Meldung vom Helihotel. Schliesslich schrieb man am Dienstag erst den 31. März. Zudem brachte das Ringier-Blättchen, anders als bei bewusst gesetzten Aprilscherzen, am Folgetag keine Auflösung. Aber auch kein Korrigendum. Entweder weil es der Redaktion peinlich war, den Scherz eines anderen nicht durchschaut zu haben. Oder aber, weil das Geschäft mit den allabendlichen Infotainmenthäppchen dermassen kurzlebig ist, dass die Redaktion schon am nächsten Tag nicht mehr weiss, was sie am Vortag alles verwurstet hat. Peinlich ist die Veröffentlichung dieser Falschmeldung nur schon deshalb, weil bereits Tage zuvor festgestanden hatte, wer hinter der Aktion steht: Ein Betreiber von Flughafenhotels in London und Amsterdam hatte sich diesen Scherz erlaubt.

Dass es auch anders geht, zeigte der «Corriere della Sera», der auf seiner Webseite am Sonntag ebenfalls über die fliegende Unterkunft berichtet hatte. Bereits am Montag entschuldigte sich der verantwortliche Redaktor bei der Leserschaft für den «Schnitzer», den er sich da geleistet habe. Der Sonntag sei halt ein nachrichtenarmer Tag. Was heisst: Man veröffentlicht als Nachricht, was gerade über den Bildschirm flackert. Ausserdem habe es diese spektakulären Bilder des extravaganten Flugobjekts gegeben. Diese Erklärung ist hanebüchen. Nur weil es Bilder davon gibt, braucht noch gar nichts real zu existieren. Photoshop lässt grüssen. Aber immerhin: Eine Entschuldigung ist besser als keine. Das Beispiel mit dem Hotelicopter zeigt: Jeder Tag kann in den Medien ein 1. April sein. Deshalb haftet diesem Brauch auch etwas Zweifelhaftes an. Klar basiert die Publikumsverulkung auf einer mehrhundertjährigen Tradition, klar dürfen auch Medien mal über die Stränge schlagen. Wenn sich aber im normalen Nachrichtenalltag immer wieder mal (und immer öfter) Fehlleistungen wie jene mit dem Hotelicopter einschleichen, dann verliert der Aprilscherz seine Wirkung. Schliesslich funktioniert dieser nur als Kontrast zur Rolle der Nachrichtenmedien als Überbringer faktentreuer Botschaften.

Übrigens: Ein Helikopter-Hotel gibt es sehr wohl. Nur kein fliegendes. Im US-Bundesstaat Connecticut hat ein Luxus-Resort einen ausrangierten Sikorsky-Drehflügler der Küstenwache zur Übernachtungsgelegenheit umgebaut. Und den Hotelicopter, den nun etliche Medien als unfreiwilligen Aprilscherz präsentiert haben, kann es schon deshalb nicht geben, weil vom sowjetischen Heli-Modell Mil V-12 gerade mal zwei Prototypen gebaut wurden, die in einem Museum respektive bei der Herstellerfirma ausgestellt sind.

[i] Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

20.3.2009

Fatale Signale

Von Nick Lüthi um 08:29 [ Medienwelt ]
Endlich ist die Botschaft ganz oben angekommen, mögen Pessimisten und Besserwisser frohlockt haben. Endlich hat auch der oberste Zeitungsverleger eingesehen, dass es sich bald nicht mehr lohnt, Papier mit Nachrichten zu bedrucken. «Ich spreche von einem Existenzkampf, weil wir nicht mehr sicher sind, ob die Zeitung wirklich eine Zukunft hat», sagte der Präsident der Schweizer Verleger, Hanspeter Lebrument, nach dem Tamedia-Edipresse-Handel gegenüber «Le Temps». Spricht hier einer, der es wissen muss, eine unbequeme Wahrheit aus? Oder war es ein verzweifelter Weckruf Lebruments an seine Kollegen in den Chefetagen der Medienhäuser? Weder noch. Der präsidiale Fatalismus zeugt von Fantasie- und Orientierungslosigkeit. Denn die Fakten sprechen eine andere Sprache.

In der Schweiz werden täglich immer noch weit über eine Million Zeitungsexemplare gedruckt und von mindestens ebenso vielen Menschen gelesen. Und auch die Tatsache, dass die Zürcher Tamedia mit dem Kauf der Lausanner Edipresse ihre Zeitungspalette massgeblich erweitert hat, lässt doch eigentlich darauf schliessen, dass eines der erfolgreichsten Medienhäuser an die Zukunft der Zeitung glaubt. Das alleine sagt noch nichts über Inhalt und Qualität des bedruckten Papiers aus. Pendlerzeitungen haben gezeigt, wie man auch mit vergleichsweise ambitionsloser Allerweltspublizistik gut Geld verdienen kann.

Fatal ist das Signal des Verlegerpräsidenten vor allem deshalb, weil er sich in seiner Funktion unglaubwürdig, ja unmöglich macht. Ein Schraubenverkäufer, der die Zukunftstauglichkeit seiner eigenen Produkte öffentlich anzweifelt, ginge wohl demnächst pleite. Nicht wegen irgendeiner Krise, sondern weil kein Kunde auf Auslaufmodelle setzt. Doch letztlich dürfte der Schraubenverkäufer besser dastehen als der Verleger. Denn Schrauben sind Schrauben, Alternativen dazu gibt es kaum. Der Verleger hingegen handelt mit Information, ein Gut, das im Überfluss vorhanden ist. Und erst noch gratis.

Damit wären wir beim Kern der Sache. Bis vor fünfzehn Jahren konnten Zeitungsverleger ein knappes Gut verkaufen, der Zugriff auf Nachrichten war limitiert, Journalisten hatten einen privilegierten Zugang.

Niemand hätte selbst zum Hörer gegriffen und in der Weltgeschichte herumtelefoniert. Die Zeitung nahm einem diesen Aufwand ab. Für den Kunden stimmten Preis und Leistung. Inzwischen hat sich das geändert. Jederzeit und überall haben wir Zugriff auf eine noch nie da gewesene Informationsfülle. Zuverlässige Navigations- und Orientierungshilfen könnten gerade jetzt eine geldwerte Aufgabe erfüllen. In dem Sinn hat die Zeitung – respektive die Funktion, die sie bisher erfüllte – nicht einfach ausgedient.

Doch viele Zeitungsverleger liessen sich von der Entwicklung überrollen und haben sich an alte Gewissheiten geklammert, als längst klar war, dass Umwälzungen von epochaler Bedeutung im Gang sind. Anstatt einen neuen, eigenständigen Platz in der digitalen Informationswelt zu suchen, taten sie, was sie schon immer taten, und druckten Zeitungen, als gäbe es kein Internet. Noch mag das funktionieren. Wie lange, weiss aber niemand. Insofern hat die Aussage des Verlegerpräsidenten eben doch einen wahren Kern.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

13.3.2009

Bern darf nicht in der zweiten Liga landen

Von Redaktion «Der Bund» um 09:53 [ Medienwelt ]
«Servir et disparaître». An diese altbernische Devise hielt ich mich seit meinem Rücktritt 1995 als Chefredaktor des «Bund». Als ich im letzten Dezember mein Schweigen brach und mich erstmals wieder öffentlich zum «Bund» äusserte, so tat ich das aus Sorge um die Zukunft der Berner Presse, um Berns künftige mediale Präsenz innerhalb der Schweiz sowie um Berns standortpolitische Selbstbehauptung.

Auslösendes Moment war die Ankündigung der Tamedia, Besitzerin von «Bund» und «Berner Zeitung», ihr VR werde in Bälde entscheiden zwischen Fusion oder der Variante 2: BZ bleibt BZ, und der «Bund» geht eine enge publizistische Kooperation mit dem Zürcher «Tages-Anzeiger» ein.

Nach dieser Ankündigung hat sich in Bern das Komitee «Rettet den Bund» formiert und seine Petition lanciert. Bei allem Respekt vor den Petitionären: Ich glaube nicht an eine Heimat- und Artenschutzübung, auch nicht an eine Variante 2 mit einem bestenfalls aufgemöbelten «Tages-Bund». Angesichts von Rezession und sich dramatisch zuspitzender wirtschaftlicher Probleme der Verlagshäuser geriete der «Bund» zum publizistischen Wurmfortsatz des TA und die BZ zur (noch) weiter heruntergesparten Allerweltszeitung. Ein Szenario, das Bern nicht würdig wäre.

Bern landete medial in der zweiten Liga und standortpolitisch im helvetischen Krähwinkel – inakzeptabel! Wo blieben die Stimme und die Präsenz des Polit-, Wirtschafts-, Wissens- und Kulturstandorts Bern innerhalb der Schweizer Presse und der Schweizer Politik? Wo bliebe die Stimme aus der Bundesstadt zur Bundespolitik, wo die Präsenz der Hauptstadtregion und des Espace Mittelland?

Ich bin für eine mutige Vorwärtsstrategie, für eine Fusion von «Bund» und BZ, in der das mitgenommen und innovativ weiterentwickelt wird, was den «Bund» auszeichnet: publizistische Qualität und Vitalität. Ich plädiere für die Lancierung einer grossen modernen Tageszeitung, auf die Bern stolz sein könnte und die drei strategische Dimensionen hat: eine lokale (Bern-Zeitung), eine regionale (Espace-Zeitung), eine nationale (Bundesstadt-Zeitung).

Klar, dass diese Zeitung «Der Bund» heissen müsste. Denn der Titel und die sehr starke Marke «Bund» signalisieren all das, was die Zeitung verkörpern würde: Berner Identität, Bundesstadt-Selbstverständnis, Engagement für die Res publica sowie Qualität, Klasse, Niveau. Klar auch, dass die neue Zeitung die attraktiven Elemente der BZ, und es gibt deren viele, miteinbeziehen würde. In der Hitze der aktuellen Diskussion wird der «Bund» nämlich reichlich unkritisch hochgeschrieben und die BZ pauschal schlechtgemacht. Das ist unfair. Denn die BZ hat durchaus journalistisch Positives zu bieten, und sie ist letztlich das innovativere Blatt.

Aber die BZ ist mitnichten die Sieger-Zeitung, als die sie ihre Marketingleute preisen. Sie hatte ganz einfach das Glück, dank Charles von Graffenrieds strategischen Akquisitionen mit doppelt so hoher Auflage wie der «Bund» starten und so auf dem Anzeigenmarkt reüssieren zu können (gemäss dem für die Nummer 2 brutalen Prinzip «winner takes it all»). Zudem hatte sie stets ein hoch professionelles Verlagsmanagement im Rücken; der «Bund» besass bis tief in die 1990er-Jahre hinein überhaupt keines.

Natürlich sind zwei Zeitungen besser als eine. Aber wenn ein Wirtschaftsraum nur noch eine Zeitung zu alimentieren vermag, dann sollte man aus der Situation das Beste zu machen versuchen, und das wäre: eine einzige, dafür herausragende Zeitung, basierend auf einem soliden wirtschaftlichen Fundament.

Die Argumente gegen diese Lösung sind bekannt: «Einheitsbrei», «Meinungsmonopol». Nicht zu unterschätzende Probleme, gewiss, aber die Zeiten sind nicht mehr dieselben wie anno 1977, als in Basel die erste grosse Zeitungsfusion der Schweiz durchgezogen wurde, stümperhaft und glücklos.

Seither hat sich Jürgen Habermas’ «Strukturwandel der Öffentlichkeit» rasant fortgesetzt, haben sich neue Diskurs-Formen etabliert, neue Formen auch der Herstellung von kritischer Öffentlichkeit. Der Meinungswettstreit spielt intra-medial, cross-medial sowie zwischen verschiedenen Zeitungsgattungen.

Wie die europäische Pressekonzentrationsforschung (Manfred Knoche et al.) und amerikanische Studien über Städte mit nur einer Zeitung belegen: Ein-Zeitungs-Situationen können, sofern das Medium von Leuten geführt wird, die der Liberalität und Fairness verpflichtet sind, substanziellen Mehrwert bieten. Im Übrigen erweckt das in Bern medial Dargebotene bei näherer Betrachtung kaum den Eindruck von inhaltlich-thematischer Vielfalt und Meinungswettstreit. Es überwiegen, seien wir ehrlich, Mainstream und Doubletten. Auch umfangmässig sind beide Blätter in etwa gleich schmalbrüstig.

Freilich – und das ist zentral: Die Fusion würde von den Bernern nur mitgetragen, wenn sich die Tamedia verbindlich zu einer Zeitung von Qualität und Relevanz bekennt. Das setzt unter anderem voraus, dass sie die redaktionellen Führungspositionen mit Persönlichkeiten besetzt, die mit einer Ein-Zeitungs-Situation differenziert und fair umzugehen verstehen. Persönlichkeiten, die punkto innerer Unabhängigkeit und liberaler Offenheit überzeugen, die Rückgrat und Zivilcourage haben sowie das «Gschpüri» dafür, wie Bern tickt.

Frage zum Schluss an die Journalisten beider Seiten: Wäre es nicht ungemein viel reizvoller, etwas Neues & Grosses zu schaffen statt künftig an einer Austerity-BZ und einem Mini-«Bund» werkeln zu müssen?

Peter Ziegler

[i] Der Autor Peter Ziegler war Chefredaktor des «Bund» von 1989 bis 1995. Er hat in Genf Politologie studiert (Dr. ès sc. pol.) sowie Journalistik an der Columbia University in New York und ist Autor diverser Publikationen zur internationalen und nationalen Politik. Der Beitrag basiert auf seinem Essay «Es geht um die Würde Berns» in der jüngsten«NZZ am Sonntag» und drückt ausschliesslich die Meinungs des Autors, nicht jene der Redaktion aus.

03.3.2009

Kampf um den Medienmarkt

Von Artur Vogel um 19:20 [ Medienwelt ]
In ein paar Jahren wird es in der Schweiz noch drei, vier private Medienhäuser geben (die nicht unbedingt schweizerisch sein müssen). Der Konzentrationsprozess, seit langem im Gang, legt rasant zu. Jetzt wird ums Überleben im enger werdenden Markt gefochten.

Am fittesten scheint die Zürcher Tamedia. Sie hat sich die Berner Espace Media mit «Berner Zeitung» und «Bund» einverleibt, ist in die Ostschweiz vorgestossen und versucht, die Zürcher Landschaft zu erobern. Sie signalisierte auch die Absicht, in die Suisse Romande vorzudringen, als sie das Gratisblatt «20 minutes» gegen den «Matin bleu» von Edipresse aufstellte.

Dass die Zürcher nun in drei Schritten das Inlandgeschäft von Edipresse übernehmen, ist die logische Fortsetzung der Strategie. Tamedia wird so nach Ringier und der (nur bedingt vergleichbaren) Publigroupe das dritte Medienhaus mit Aktivitäten beidseits des Saanegrabens.

Auch die NZZ-Gruppe wird einer Fitnesskur unterzogen, während Ringier eine klare Strategie vermissen lässt und damit längerfristig zum Übernahmekandidaten werden dürfte.

An wen sich AZ-Medien, «Basler Zeitung» und andere Mittelgrosse anlehnen werden, könnte sich rascher entscheiden, als man anzunehmen geneigt ist. Sollten sich Krise und Strukturwandel akzentuieren, dürften sich Entscheidungen bald aufdrängen.

Bei Tamedia wird spitz kalkuliert. Also darf man davon ausgehen, dass der Zusammenschluss wirtschaftlich sinnvoll ist. Trotzdem drängen sich Fragen auf:

• Wie wirkt sich die Konzentration auf die publizistische Vielfalt aus?
• Werden die Welschen es akzeptieren, dass ihre wichtigsten Zeitungen aus Zürich gelenkt werden?
• Hat die neue Fusion Rückwirkungen auf den Medienplatz Bern und die Zukunft des «Bund»?

Die Vielfalt geht zurück, allerdings nicht wegen des Konzentrationsprozesses. Natürlich hätten Konzerne die Möglichkeit, Meinungen zu monopolisieren. Der Tamedia kann man dies bisher aber nicht vorwerfen.

Doch wenn der Transfer von Zeitungsinhalten von Titel zu Titel forciert wird, könnte das trotzdem zu einer Verarmung des Meinungsspektrums führen.

Was Bezahlzeitungen zu schaffen macht, ist die Veränderung der Nutzung: Sie verlieren Leser; Gratiszeitungen und Internet legen zu. Inserateeinnahmen schwinden, weil Werbung und Rubrikeninserate in andere Kanäle abwandern.

In einzelnen US-Regionen serbeln schon Monopolblätter; es wäre vermessen, diese Entwicklung in der Schweiz a priori auszuschliessen.

Ob die Romands die Deutschschweizer Dominanz goutieren werden, ist eine andere Frage. Der Reflex gegen die «Suisses Totos», die Deutschschweizer, ist manchenorts stark. Tamedia wird behutsam agieren müssen, wenn sie am Lac Léman akzeptiert werden will. Immerhin ist es natürlicher, wenn ein welscher von einem Zürcher Medienkonzern übernommen wird als von Waffenfabrikanten wie französische oder von Raidern wie amerikanische Blätter.

Und der Platz Bern? Pietro Supino, VR-Präsident der Tamedia, antwortet so: «Es gibt keine direkten Auswirkungen auf den Medienstandort Bern. Indirekt kann man sagen, dass die Stärkung der wirtschaftlichen Basis (...) den Medien in Bern zugute kommt.»

13.2.2009

Glamour, wem Glamour gebührt

Von Nick Lüthi um 08:17 [ Medienwelt ]
Der Vergleich hinkt zugegebenermassen ein bisschen. Wir wollen ihn trotzdem bemühen, weil er schön zeigt, wie sich Schweizer Journalisten manchmal das Leben selbst schwer machen. Wie in jeder anderen Branche, in der Kreativität und Originalität zum Erfolg führen, gibt es auch in den Medien eine Auszeichnung für die Besten und Grössten. Was der Oscar für Hollywood, das ist der «Journalist des Jahres» hierzulande für die schreibende Zunft.

Diesen Titel und das Zeremoniell der Verleihung exportierte ein umtriebiger Verleger aus Österreich vor ein paar Jahren in die Schweiz. Damit füllte er offensichtlich eine Marktlücke. Wenn Johann Oberauer ruft, kommen alle. Ob Chefredaktorinnen, Kolumnisten, Reporterinnen oder Nachwuchstalente – alle folgen der Einladung, lassen sich feiern und auf Kosten des Sponsors ABB verköstigen. So auch wieder vor einer Woche in einem Etablissement an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Wer alles einen Preis erhielt, sei hier nur am Rande erwähnt. Erstens gibt es so viele Kategorien, dass eine Aufzählung aller Ausgezeichneten den Rahmen dieser Kolumne sprengen würde, und zweitens verbietet es das Wahlprozedere, die Ergebnisse wirklich ernst zu nehmen. Was also bleibt, ist das Drum und Dran der Preisverleihung, und genau darum geht es ja bei solchen Übungen. Was wäre ein Oscar ohne Emotionen und Tränen im Kodak Theatre, was ein Goldener Bär ohne das Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast?

Bei den Journalisten in Zürich dagegen geht es protestantisch nüchtern zu. Glanz und Glamour sind nicht Sache dieser Branche, nicht einmal dann, wenn sie für einmal angebracht wären. Zwar bemüht sich der Moderator über Stunden, mit witzig gemeinten Fragen die ausgezeichneten Berufsleute aus der Reserve zu locken und ihnen das eine oder andere Bonmot abzuringen. Fehlanzeige. Kaum einer macht mit. Stumm und steif stehen sie auf der Bühne, drucksen rum, sagen kaum einen graden Satz. Das sind also die besten Journalisten.

Wenn man nicht wüsste, dass Daniel Binswanger eben als Politikjournalist des Jahres 2008 ausgezeichnet wurde, man hielte den adrett gekleideten Schlaks für eine Mischung aus Model und Schaufensterpuppe. Und wenn er den Mund aufmacht, wird es nicht besser. Keine Spur jener Eloquenz, die man aus seinen Texten gewohnt ist.

Ein ähnlich tristes Bild geben die beiden älteren Herren ab, die als beste Sportjournalisten ihr Diplom abholen dürfen. Die Urgesteine Fredy Wettstein («Tages-Anzeiger») und Roger Benoit («Blick») stehen auf der Bühne wie bestellt und nicht abgeholt. Keine überschwängliche Freude, kein Zeichen des Triumphs, und sei es nur gespielt.

Dass gute Schreiber nicht automatisch gute Redner sind, ist hinlänglich bekannt. Und auch der Auftritt im Rampenlicht ist nicht jedermanns Sache. Dennoch: Wer bei einer Inszenierung mitmacht, wie sie die Auszeichnung zum Journalisten des Jahres nun mal eine ist, muss über seinen Schatten springen und das Spiel mitspielen, das da heisst: Wir sind die Besten, wir sind die Grössten, wir feiern uns selbst! Ein bisschen Glamour macht das Leben leichter.

[i] Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

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