11.7.2009
«Vonseiten der Polizei sei leer geschluckt worden.» - «Leer schlucken» eignet sich besonders schlecht für die passive Form, und geschehen ist es nicht «vonseiten», sondern bei der Polizei. Also: «Bei der Polizei habe man leer geschluckt.»
«Dank dem integrierten Bahnhof muss nicht mehr eine Strasse überquert werden, um vom Zug auf den Bus umzusteigen.» - Hier kann man mit «man» gleich zwei Fliegen erschlagen: die Passivform und den unsauberen Bezug von «um» (aufs beim Passiv nicht genannte Subjekt). Also: «... muss man keine Strasse mehr überqueren, ...»
«Als Aussenstehender ist kaum erkennbar, wofür die 51 Millionen Franken aufgewendet wurden.» - Richtig: «Ein Aussenstehender kann kaum erkennen, ...» oder «Für einen Aussenstehenden ist kaum erkennbar, ...» oder eben «Als Aussenstehender erkennt man kaum, ...» Der Bezug im ursprünglichen Satz ist nicht nur unsauber, sondern falsch. Nach «Als Aussenstehender ist kaum erkennbar, ...» könnte zum Beispiel stehen: «...wer so geschliffen schreibt».
«Aus diesem Grund kühlten sie die Kästen auf 13 Grad Celsius ab.» Wer «sie» sind, wurde zuvor nicht explizit gesagt. Diese umgangssprachliche Wendung häuft sich in letzter Zeit, nicht nur im «Bund». Ich finde, gedruckt sollte man für solche Fälle bei «man» bleiben. Nebenbei: «Celsius» ist hier eine überflüssige Präzisierung; es werden wohl nicht Grad Réaumur, Fahrenheit oder gar Kelvin sein.
09.5.2009
«Er übergibt die Rute einem Mädchen und sucht für sie den Teich nach Fischen ab.»
Nein, für es, das Mädchen – ich nehme wenigstens an, er hats nicht für die Rute getan. Ein sächliches Wesen bleibt sächlich, auch wenn es weiblich ist. Und eine männliche Waise ist die, nicht der Waise.
«Operation an einer Peperoni»
Der Duden kennt zwar dieses Gemüse und hält es für a) weiblich und b) eine «scharfe, kleine Paprikaschote». Er kennt aber auch den (italienisch korrekten) Peperone, und ein solcher wurde hier vermutlich übungshalber operiert. Die Deutschen nennen dieses grössere Gemüse meist Paprika, aber das brauchen wir ihnen nicht nachzumachen.
«Am traditionellen Fête du peuple jurassien»
Bei Ausdrücken aus romanischen Sprachen behalten wir das Originalgeschlecht bei, statt jenes der (nicht immer eindeutigen) Übersetzung zu verwenden. Also: die Fête (zumal es sie ohne Akzent auch als weibliches deutsches Wort gibt), die Place. Ausnahmen gibt es bei Wörtern, die mit falschem Geschlecht ins Deutsche eingegangen sind, so die Tour (auch: ... de Suisse, siehe Duden). Wörter auf -ment, -mento, -miento werden aufgrund des lateinischen -mentum im Deutschen sächlich: das Mouvement, Rassemblement.
«Er flaniert durch die Banlieu von Paris.»
Da stimmt zwar das Geschlecht, aber das Schluss-e fehlt, peinlicherweise auch im Titel.
02.5.2009
«Im Vordergrund stünden mittelfristige Strategien wie die Verrichtung ,diverser Tiefbausanierungsprojekte', die im Gebiet ohnehin anstünden.»
Projekte verrichten? Eher verwirklichen, ausführen – auch falls die Behörde selber von «Verrichtung» geredet hat.
»Der Chor führt ein Franz-Schubert-Konzert auf.»
Nein, er gibt es. Und wenn eines der gespielten Werke ein Konzert gewesen wäre, hätte er es eher wiedergegeben als aufgeführt. Bei einzelnen Chorwerken allerdings kann man schon von «aufführen» reden, vielleicht wegen des etwas theatralischen Charakters.
«Wichtig war den Progr-Künstlern, Unsicherheiten im finanziellen Bereich zu entkräften.»
Sind denn Unsicherheiten «kräftig»? Üblicherweise entkräftet man Vorwürfe und dergleichen. Unsicherheiten gilt es zu beheben oder auszuräumen.
«Die Bestände seien nach Bern überführt worden, teilte die Stiftung mit.»
Nein, sie wurden über g e führt – so lautet das Partizip Perfekt von überführen. Überführt kommt von überführen. Der Polizist führt den Verdächtigen ins Gefängnis über; danach überführt die Justiz den Angeklagten seines Vergehens.
18.4.2009
«62'200 gechippte Berner Hunde»
Die werden nicht auf die Schippe genommen, sondern mit einem Chip versehen. Das sieht man am Bild und aus dem Text, auch wenn das Wort nicht ausdrücklich erklärt wird. Dass die Fachleute den Vorgang «chippen» nennen, wird mühelos klar, braucht also nicht durch Anführungszeichen oder «sogenannt» markiert zu werden.
«Geöffnete Hände gebärden ein Dreieck.»
Da das Wort sonst nur als «sich gebärden» bekannt ist, hätte sich ein Hinweis empfohlen, dass Leute, die über Gebärdensprache reden, tatsächlich «etwas gebärden» sagen.
«Ausserdem sollen der Bund und die Nationalbank wie im Falle der UBS wenn nötig sogenannt ,toxische' Börsentitel von den Kassen übernehmen.»
Die Anführungszeichen bei «toxisch» sind angebracht, weil das Wort hier ausserhalb seines chemischen Bedeutungsfelds verwendet wird. «Sogenannt» ist damit überflüssig – man hätte mehr davon, wenn der Platz einem erklärenden Stichwort gewidmet würde.
«Im grössten Flächenstaat Afrikas...»
Kein Fachausdruck, sondern etwas aus der Nischensprache «Bundesrepublikanisch»: Deutschland unterscheidet zwischen Stadtstaaten (Bundesländer Hamburg, Bremen, Berlin) und Flächenstaaten (alle anderen). Leider wird «grösster Flächenstaat» nun auch als Synonym für «flächenmässig grösster Staat» verwendet. Was für ein Unsinn das ist, merkt man, wenn man aus dem «nach Bevölkerung grössten Staat» den «grössten Volksstaat» macht.
«Er markiert einmal mehr den kumpelhafen Proll von nebenan.»
Das muss aus einer mir unbekannten Nischensprache stammen.
04.4.2009
«Nicolas Sarkozy geht es, nebst konkreten Ergebnissen, auch um die Inszenierung seiner selbst.» Dieser Satz stand so nicht im «Bund», denn der Blattmacher missbilligte ihn – zu Recht. Er fand, der Bezug von «nebst» erschliesse sich erst hinterher. Dagegen gibt es wahrscheinlich keine formelle Regel, aber es widerspricht dem Grundsatz, dass Zeitungstexte auf Anhieb und ohne Zurücklesen verständlich sein sollen.
Allerdings liegt hier kein gravierender Verstoss vor: Dass davon die Rede ist, worum es Sarkozy gehe, ahnt man schon nach «geht es», auch wenn das «um» erst später kommt.
Besser:
– «Sarkozy geht es nicht nur um konkrete Ergebnisse, sondern auch um ...» (So, etwas umständlich, stand es im Blatt.)
– «Sarkozy geht es auch um die Inszenierung seiner selbst, nebst konkreten Ergebnissen.» (Dann ist allerdings die «Pointe» vorweggenommen.)
– «Sarkozy beabsichtigt, nebst konkreten Ergebnissen...» (Damit ist das zusätzliche Problem gelöst, dass die andern Varianten mit einem nicht auf Anhieb erkennbaren Dativ beginnen.)
Unbeantwortet bleibt in allen Varianten die journalistische Gretchenfrage, woher wir denn wissen, worum es Sarkozy geht.
28.3.2009
Immer wieder liest man Dinge wie diese:
- «Die SBB verzichten auf teurere Billettpreise.»
- «Die Mehrheit zweifelte daran, ob ...»
- «Die Fussgänger erhalten so viel Grün als möglich.»
- «Die Eskalation scheint somit vorprogrammiert.»
Überall stimmt etwas nicht ganz. Wers nicht auf den ersten Blick sieht, siehts auf den zweiten.
21.3.2009
«Das Massnahmenzentrum meldete die Entlassung des Mannes, der Lucie getötet hat.» Zuerst meldete es, dann tötete er, also scheint die Zeitenfolge in diesem Untertitel zu stimmen. Das tut sie aber nicht, denn wir dürfen uns die sechs Zeiten nicht einfach als Treppenstufen vorstellen, die aufeinander folgen.
Nicht umsonst heissen die zusammengesetzten Zeiten V o r vergangenheit, -gegenwart, -zukunft. Sie beschreiben - in der Regel im Nebensatz - ein vorangegangenes Ereignis, das weiterwirkt. Meist wirkt es in den Hauptsatz hinein: «Vor Gericht steht der Mann, der getötet hat.» Steht der Nebensatz mit Perfekt am Anfang, so kann er sich auch auf die reale (oder zuvor beschriebene) Gegenwart beziehen: «Der Mann, der Lucie getötet hat, war zur Beobachtung angemeldet.» Syntax-Puristen könnten auch diese Version anfechten, aber in einem Untertitel ist sie vertretbar (und besser verständlich als das Original).
«Der Club-Betreiber wurde in Untersuchungshaft gesetzt, nachdem man bei ihm Geldscheine fand, die bei einem Banküberfall erbeutet worden waren.» Richtig: «... gefunden hatte». Würden zwei Plusquamperfekte mit gleichem Hilfsverb aufeinander folgen, so sollte man das eine Hauptverb so ersetzen, dass je einmal eine Form von «sein» und von «haben» steht.
«Als er im Gefängnis war, hatte sich auch Bin Laden für den Geistlichen eingesetzt.» Das könnte stimmen, wenn sich Bin L. nur gerade bei oder vor der Verhaftung für ihn eingesetzt hätte, aber so ists wahrscheinlich nicht gemeint. Vielmehr als gleichzeitiger Vorgang: «setzte sich auch».
«Nur eine Dreiviertelstunde bevor die Schüler zum Turnunterricht antraten, stürzte das Dach der Turnhalle ein.» Hier wäre, falls die Schüler wirklich antraten, die «Zukunft in der Vergangenheit» richtig: «bevor die Schüler antreten sollten». In diesem Fall macht es auch nichts, wenn man das «sollen» als Pflicht versteht. Im Satz ganz am Anfang wäre «des Mannes, der Lucie töten sollte» zwar sprachlich korrekt, aber allzu grausam missverständlich.
14.3.2009
«’Man tut so, als wäre Prostitution eine völlig normale Arbeit’, sagt die Grossrätin. Doch nirgends solle das Sexgewerbe betrieben werden...»
Aha, denkt man beim Lesen, das ist eine ganz sittenstrenge Magistratin. Aber dann liest man weiter: «...und wer dort arbeite, gelte als minderwertig.» Die Grossrätin
hat also den Bann übers Sexgewerbe nicht selber verhängt, sondern mit „nirgends solle“ andere Leute indirekt zitiert.
Weil wir das Votum der Volksvertreterin ebenfalls in indirekter Rede wiedergeben, merkt
man dem «solle» nicht an, dass es nicht ihre Meinung wiedergibt. Anders in der Fortsetzung bei «gelte» - hier zeigt schon das Verb, dass eine andere Meinung angeführt wird. Eindeutig wäre der erste Teil des Satzes, wenn er zum Beispiel lautete: «Doch nirgends wolle man das Sexgewerbe haben...»
Das Wort «man», bei dem «frau» mitgemeint ist, hat etwas an Kurswert verloren. Dabei trägt es die Urbedeutung «Mensch» weiter und kann nichts dafür, dass ihm der Mann etymologisch aus den Rippen geschnitten ist.
Jedenfalls ist «man» besser geeignet als das umgangssprachliche «sie» (Plural), ungenannte Täter zu bezeichnen, wie im folgenden Beispiel: «Diesem Wunsch schliesst sich auch Martha Wigger von Xenia, Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe, an. Sie seien bereits am Abklären, wie sich kantonale Gesetze auf das Sexgewerbe auswirken.»
Hier wäre «man» am Platz - ungeachtet dessen, dass wohl lauter Frauen am Abklären sind.
Eleganter aber ist ohnehin: «Diesem Wunsch schliesst sich Martha Wigger von Xenia an. Diese Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe sei bereits am Abklären...»
So ist auch das «an» (zu «schliesst sich») nicht mehr so einsam wie im überkorrekt konstruierten Original. Überflüssig ist das «auch» bei Martha Wigger: Sie ist hier die Einzige, die sich dem Vorredner anschliesst. (dg)
07.3.2009
«Raubdelikte und Körperverletzungen haben 2008 zugenommen.» Man verstehts auf Anhieb richtig – aber eigentlich haben nicht diese Untaten zugenommen, sondern ihre Zahl hat es getan.
Ein ähnliches Problem ist soeben dem «Briefkasten» des «Sprachspiegels»* vorgelegt worden; Antwort: «Ausdrücke wie ,Die Unfälle nehmen ab' sind unseres Erachtens eine leider ziemlich verbreitete Unart. Allerdings wird dem Begriff ,abnehmen' im Deutschen Universalwörterbuch u. a. die Bedeutung ,sich verringern' zugeschrieben (,Die Vorräte nehmen ab' = es gibt weniger). Nichtsdestoweniger geben wir der Variante mit ,die Zahl der Unfälle' klar den Vorzug.»
Dem ist nur zuzufügen, dass auch «die Unfälle verringern sich» holprig wäre. Das Beispiel «Vorräte» ist nicht ganz treffend, denn dieser Begriff hat bereits Mengencharakter. Handelt es sich zum Beispiel um Brote, so tönt «die Brote nehmen ab» (oder «verringern sich») ebenso holprig.
Allerdings ist «die Zahl der Unfälle» (oder Delikte) etwas umständlich. Einfacher – und für einen Lead besser geeignet: «Es hat 2008 mehr Delikte gegeben.» Da fehlt freilich «als im Vorjahr» – aber wers nicht merkt, wirds im Text erfahren. Ohne ausdrücklichen Zeitbezug kommt die Formulierung aus: «Die Unfälle sind seltener geworden.» Nur sind sie ja eigentlich nicht selten. Umgekehrt beim Zunehmen: «Die Delikte sind zahlreicher geworden.» Aber falls es sich um jene in der Marzilibahn handelt, sind sie ja immer noch selten.
*Sprachspiegel. Zweimonatsschrift, hg. vom Schweizerischen Verein für die deutsche Sprache, SVDS. Bestellung: bruno.enz@sunrise.ch
28.2.2009
«Wenigstens der Zweijährige ist gesund und wie gewohnt in die Kita begleitet worden.»
«Dong hat einen widerspenstigen Haarschopf und die Zigarette hinters Ohr geklemmt.»
Wird eine Form von «sein» (oder «haben») einmal als Hilfsverb gebraucht («ist gesund») und einmal als Vollverb («ist begleitet worden»), so muss das Verb wiederholt werden. Humorlos verstanden, verletzen diese Sätze folgende Duden-Regel: «Nicht möglich ist die Ersparung übereinstimmender Verbformen, die unterschiedlichen Konstruktionen angehören.» Nicht zu beanstanden sind die Sätze nur, wenn im ersten gemeint ist, das Kind sei «in gesundem Zustand und wie gewohnt» begleitet worden, und im zweiten, Dong habe einen Haarschopf samt Zigarette hinters Ohr geklemmt.
Ähnlich janusköpfig wie solche Verben mit Doppelfunktion treten zuweilen Pronomen auf, die in verschiedenen Fällen gleich lauten: «Er betrat das Haus, das ihm gefiel und er gesucht hatte.» Auch hier ist die Wiederholung zwingend: «... und das er gesucht hatte». (Duden: «Gleich lautende Relativpronomen dürfen nur dann erspart werden, wenn sie im Kasus übereinstimmen.» Beide Regeln aus «Richtiges und gutes Deutsch», 4. Aufl., S. 236)
WK zu einem kleinen Unterschied: «Ziel sei jedoch, die Herstellung in die Schweiz zu überführen.» Richtig: «überzuführen» oder «Nestlé des Plagiats belgischer Schokolade zu überführen.» Für zusammmengesetzte Verben gilt in der Regel: «Trägt das Verb den Ton, hält es wie Beton.» Also: Der Polizist überführte den Täter und führte ihn ins Gefängnis über. Er hat ihn demnach zuerst überführt und dann übergeführt. Wir wissen nicht, ob es schwieriger war, ihn zu überführen oder überzuführen.