17.7.2009

Anschlag auf die alte Herrlichkeit

Von Redaktion «Der Bund» um 10:30 [ Zur Lage der Welt ]
Von Mathias Ninck

«Ich habe kürzlich eine Freundin gefragt, was Frauen an Männern schätzen. Antwort: Macht, Geld, Prestige. Es ist eine brutale Welt, in der wir leben.»

Das hat Roger Köppel geschrieben, vor genau drei Jahren. Er war damals Chefredaktor der deutschen Zeitung «Die Welt», lebte in Berlin, allein. Es klang ein wenig traurig. Heute schreibt er in der «Weltwoche»: «Auf Väter können wir verzichten. Mütter sind unersetzlich.» Richtig fröhlich klingt auch das nicht, es hat etwas Überspanntes, genau genommen ist der Satz ja einfach töricht.

Ist es also ein Jux? Einfach noch so ein Ding, mit dem das Blatt beweisen will, dass es aus der Zeit gefallen ist? «Nein», sagt Roger Köppel am Telefon: «Es ist mir ernst. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist nicht delegierbar. Emotionale Vertrautheit geht nur mit der Mutter.»

Na gut, dann nehmen wir es halt ernst. Wenn einer im ideologischen Minenfeld von Familie und Kindererziehung erste Duftmarken setzt, hat das häufig einen realen Hintergrund. Roger Köppel hat Mitte März eine zehn Jahre jüngere Frau geheiratet, Bich-Tien Ton, aufgewachsen in der Schweiz, Tochter vietnamesischer Flüchtlinge: eine kluge, hübsche Frau, die an der Universität St. Gallen studiert hat und bei der UBS arbeitet. Sie hat gerade den Mutterschaftsurlaub angetreten, das Würmlein wird bald kommen. Köppel steht also die Vaterwerdung bevor. Natürlich ist er in Gefahr.

Denn es herrscht Wirtschaftskrieg, und er, der General, «muss auf der Kommandobrücke stehen», und das braucht seine ganze Aufmerksamkeit. Ein Kind? Was für eine Zumutung. Also beruft sich Roger Köppel – mit biologistischem Vokabular – erst mal auf das seit dreihundert Jahren existierende Dogma der väterlichen Distanz, auf die quasi naturgegebene Familienstruktur, in welcher der Vater das Exil in die Berufswelt antritt und die Mutter da ist für die «Vermittlung von Liebe, Selbstvertrauen und Geborgenheit». Als Beleg für die Richtigkeit seiner These nimmt Köppel die eigene Erfahrung: «Die Abwesenheit des Vater war mir meistens gleichgültig.»

Er blendet dabei grosszügig aus, dass verschwundene Väter in verwandelter Form wieder auftauchen, auch bei ihm. Sein Leben ist gut bestückt mit Ersatzvätern: Ex-«Blick»-Chefredaktor Peter Uebersax, Unternehmer Bruno Franzen, Financier Tito Tettamanti. Ihr Verhältnis zu Köppel ist eng, vaterähnlich. Sie helfen ihm, muntern ihn auf.

Mit seinen saloppen Sprüchen signalisiert Roger Köppel, dass er sich in der Familie auf die Rolle des Verwaltungsrates zurückziehen will. Er wirkt dabei aber recht defensiv, gerade so, als sei Vaterschaft ein Anschlag auf die alte Herrlichkeit.

Die Nostalgie ist irgendwie verständlich, schliesslich ist die alte Herrlichkeit längst dahin. Die Väter und Mütter haben sich verändert. Sie sind Menschen geworden. Die Patriarchen und die Popanzen liegen weit abgeschlagen, heute ist der Vater nichts Besonderes mehr (und folglich müssen die Mütter nicht mehr täglich die Macht ihres Mannes angreifen, unter der sie früher so litten). Die Distanz zwischen Kindern und ihren Vätern ist kleiner geworden, das Leben dadurch unübersichtlicher, anstrengender, vielleicht erfüllter. Wer weiss.

Kommentare

klaus klein-kindski
2009-07-20 13:38:05

ja, genau, wer weiss?
die kinder fragt man nicht. sie sind die manipuliermasse in der egoistischen, rücksichtslosen lebensgestaltung von erwachsenen, die oftmals nicht einmal für sich selber verantwortung übernehmen können, weil das anstrengend ist und alles was mit pflicht und zwang zusammenhängt schlechte laune auslöst.
statt dessen schlängelt man sich auf dem weg des geringsten widerstands und maximalen lustgewinns durch immer oberflächlichere reize (wovon kinderkriegen einer ist) durchs leben und gibt möglichst viel verantwortung ab an instanzen, behörden, beziehungsfachpersonen, sozialarbeiter und wie sie alle heissen.
ist das freiheit?
es ist so eine sache mit den individuellen lebensentwürfen: in einer freien gesellschaft soll jeder nach seiner facon glücklich werden dürfen, keine frage. aber die freiheit hört dort auf, wo die gesundheit, der freiraum, die integrität und souveränität und die würde des mitmenschen verletzt wird.
kinder sind auch mitmenschen, sie sind sogar die schwächsten mitglieder unserer gesellschaft. es ist doch unsere pflicht, die schwachen zu schützen! oder liege ich da falsch?
eine gesellschaft, die zwar kinder produziert, diese aber in anonymen erziehungseinrichtungen verwahrlosen lässt und erziehungsverweigerung betreibt, indem sie einem grenzenlosen werte-relativismus frönt (was oftmals gleichbedeutend ist mit desinteresse an den mitmenschen, einem mangel an empathie) verletzt man damit zuallererst die würde des kindes.
selbstverwirklichung kontra bindungsfähigkeit: kinder brauchen aber die nähe der mutter, die geborgenheit in der familie.

manchmal möchte einem bange werden, welche mutwillig degenerierten monster und traurigen krüppel bei diesem grössten menschenexperiment der geschichte herauskommen!

Bettina Kant - Bettina_Kant [at] gmx.ch
2009-07-20 14:31:16

«Ich habe kürzlich eine Freundin gefragt, was Frauen an Männern schätzen. Antwort: Macht, Geld, Prestige. Es ist eine brutale Welt, in der wir leben.»

Ein Blick aus dem Fenster, ein Augenschein im eigenen Bekanntenkreis, ein Reality-Check würde genügen, um diese These zu widerlegen.

99,9 Prozent aller Frauen haben absolute Durchschnittsmänner geheiratet, ohne jegliche Macht, mit niedrigem bis mittlerem Einkommen und mit geringem Prestige. Es muss also etwas anderes sein, dass sie an ihren jeweiligen Männern schätzen.

Skepdicker
2009-07-20 21:20:13

"Wenn einer im ideologischen Minenfeld von Familie und Kindererziehung erste Duftmarken setzt, hat das häufig einen realen Hintergrund."

Amen. Und somit hätten Sie hiermit Ihre Duftmarke ebenfalls gesetzt. Hoffen wir, dass Andrea Schafroth Sie für diesen braven Artikel irgendwie belohnt... ;-)

roberto
2009-07-24 18:56:49

Das ist wieder so ein Artikel, aus dem der Neid nur so zwischen den Zeilen hervortrieft. Ich weiss nicht, was Herr Ninck gegen Herrn Köppel hat. Mit seiner Haltung bezüglich der Mutter/Kind- Beziehung, die heute viele aus wirtschaftlichen Gründen einfach abdelegieren (was meinen Sie, wie die beiden Kinder von Herrn Ospel aus der Ehe mit Frau Bodmer Ospel wohl aufwachsen...) trifft er den Nagel auf den Kopf. Dafür haben wir jetzt zunehmend Probleme mit Jugendlichen (Schläger-Bubis in München usw.) die nie gelernt haben, was Achtung des Mitmenschen und Anstand sind. Alles weitere wurde schon hundertfach geschrieben.
Also nochmals Herr Ninck: was stört Sie denn wirklich an Herrn Köppel?

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