17.7.2009
Von Mathias Ninck
«Ich habe kürzlich eine Freundin gefragt, was Frauen an Männern schätzen. Antwort: Macht, Geld, Prestige. Es ist eine brutale Welt, in der wir leben.»
Das hat Roger Köppel geschrieben, vor genau drei Jahren. Er war damals Chefredaktor der deutschen Zeitung «Die Welt», lebte in Berlin, allein. Es klang ein wenig traurig. Heute schreibt er in der «Weltwoche»: «Auf Väter können wir verzichten. Mütter sind unersetzlich.» Richtig fröhlich klingt auch das nicht, es hat etwas Überspanntes, genau genommen ist der Satz ja einfach töricht.
Ist es also ein Jux? Einfach noch so ein Ding, mit dem das Blatt beweisen will, dass es aus der Zeit gefallen ist? «Nein», sagt Roger Köppel am Telefon: «Es ist mir ernst. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist nicht delegierbar. Emotionale Vertrautheit geht nur mit der Mutter.»
Na gut, dann nehmen wir es halt ernst. Wenn einer im ideologischen Minenfeld von Familie und Kindererziehung erste Duftmarken setzt, hat das häufig einen realen Hintergrund. Roger Köppel hat Mitte März eine zehn Jahre jüngere Frau geheiratet, Bich-Tien Ton, aufgewachsen in der Schweiz, Tochter vietnamesischer Flüchtlinge: eine kluge, hübsche Frau, die an der Universität St. Gallen studiert hat und bei der UBS arbeitet. Sie hat gerade den Mutterschaftsurlaub angetreten, das Würmlein wird bald kommen. Köppel steht also die Vaterwerdung bevor. Natürlich ist er in Gefahr.
Denn es herrscht Wirtschaftskrieg, und er, der General, «muss auf der Kommandobrücke stehen», und das braucht seine ganze Aufmerksamkeit. Ein Kind? Was für eine Zumutung. Also beruft sich Roger Köppel – mit biologistischem Vokabular – erst mal auf das seit dreihundert Jahren existierende Dogma der väterlichen Distanz, auf die quasi naturgegebene Familienstruktur, in welcher der Vater das Exil in die Berufswelt antritt und die Mutter da ist für die «Vermittlung von Liebe, Selbstvertrauen und Geborgenheit». Als Beleg für die Richtigkeit seiner These nimmt Köppel die eigene Erfahrung: «Die Abwesenheit des Vater war mir meistens gleichgültig.»
Er blendet dabei grosszügig aus, dass verschwundene Väter in verwandelter Form wieder auftauchen, auch bei ihm. Sein Leben ist gut bestückt mit Ersatzvätern: Ex-«Blick»-Chefredaktor Peter Uebersax, Unternehmer Bruno Franzen, Financier Tito Tettamanti. Ihr Verhältnis zu Köppel ist eng, vaterähnlich. Sie helfen ihm, muntern ihn auf.
Mit seinen saloppen Sprüchen signalisiert Roger Köppel, dass er sich in der Familie auf die Rolle des Verwaltungsrates zurückziehen will. Er wirkt dabei aber recht defensiv, gerade so, als sei Vaterschaft ein Anschlag auf die alte Herrlichkeit.
Die Nostalgie ist irgendwie verständlich, schliesslich ist die alte Herrlichkeit längst dahin. Die Väter und Mütter haben sich verändert. Sie sind Menschen geworden. Die Patriarchen und die Popanzen liegen weit abgeschlagen, heute ist der Vater nichts Besonderes mehr (und folglich müssen die Mütter nicht mehr täglich die Macht ihres Mannes angreifen, unter der sie früher so litten). Die Distanz zwischen Kindern und ihren Vätern ist kleiner geworden, das Leben dadurch unübersichtlicher, anstrengender, vielleicht erfüllter. Wer weiss.
06.7.2009
Und wieder geistert die Drohung durch die Welt: Man könne Israel nicht daran hindern, Iran anzugreifen, um dessen atomares Potenzial zu zerstören, sagte US-Vizepräsident Joseph Biden vorgestern in einem TV-Interview.
Kommentatoren deuteten diesen Satz flugs als Indiz für eine Abkehr Präsident Barack Obamas von der bisherigen Verhandlungsdiplomatie mit dem Mullah-Regime. Obama selber bezeichnete gestern in Moskau die atomare Abrüstung als vordringliches politisches Ziel.
Die Frage stellt sich, wie gefährlich die Atomwaffe in iranischem Besitz überhaupt wäre. Wer die Gedenkstätte in Hiroshima besucht, bekommt zwar die grauenhafte Situation einer Stadt und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner nach einem atomaren Schlag anschaulich vor Augen geführt. Und heutige Bomben übertreffen jene kruden amerikanischen Todbringer vom Ende des Zweiten Weltkriegs in ihrer Zerstörungskraft um ein Vielfaches.
Jedoch hat uns der Kalte Krieg gelehrt, dass Atomwaffen eine andere Funktion haben als der ganze Rest des Kriegsgeräts, dessen Entwicklung die Menschheit akribisch vorantreibt. «Smarte« Bomben, Cruise Missiles, Stealth-Bomber und Streumunition werden gebaut, um irgendwann irgendwo gegen irgendwen eingesetzt zu werden.
Nicht so Atombomben. Sie waren, mindestens im Zeitalter der ost-westlichen Rivalität, ein reines Mittel der Abschreckung: In Washington wie Moskau, Paris wie in Peking oder London herrschte Einigkeit, dass ein atomarer Angreifer fast zwangsläufig die Zerstörung des eigenen Landes provoziert hätte.
Es besteht allerdings keine Gewähr, dass sich diese Erfahrung in jedem Fall bestätigen wird. Sogar die einstigen Grossmächte haben sich mehrmals an den Rand eines atomaren Konflikts manövriert.
Die grösste nicht-deklarierte Atommacht, Israel, hat sich Syrien und andere Nachbarn erfolgreich vom Leibe gehalten, aber politische Spinner haben auch schon öffentlich nach Atomangriffen gerufen, etwa gegen Irak, als dort Saddam Hussein herrschte.
Nicht auszudenken wären die Konsequenzen, wenn Verrückte wie Moamar al-Ghaddafi in den Besitz der Bombe gelangten. Eher beunruhigend wäre auch eine Atombombe in nordkoreanischem Besitz. Und Grund zu dringender Besorgnis bestünde, wenn der Atomstaat Pakistan auseinander bräche und islamistische Fanatiker die Hand an den Drücker legen könnten.
Dass Leute wie Mahmud Ahmadinejad, so fanatisch ihre Rhetorik klingen mag, in der gleichen Liga wie die Taliban oder al-Kaida spielen, darf bezweifelt werden. Sein 70-Millionen-Volk dem Risiko der atomaren Annihilation auszusetzen, kommt wohl auch dem Scharfmacher von Teheran kaum in den Sinn.
Hingegen ist durchaus erschreckend, dass die Hemmschwelle für den Erwerb und die stolze Zurschaustellung von Atomwaffen gesunken ist; Indien und Pakistan haben sich um die Weltmeinung foutiert, Nordkorea und Iran foutieren sich ebenfalls.
Wenn sie sich in atomare Abenteuer stürzen können, ohne dass man sie international ächtet und notfalls zur atomaren Abstinenz zwingt, dann werden auch andere Möchtegernmächte den Erwerb dieser Waffe überlegen. Die Sicherheit wäre dann nachhaltig und weltweit gefährdet.
29.6.2009
Wenn am Gotthard-Nordportal die Verstopfung beginnt, deutet das darauf hin, dass die Ferienzeit anbricht und sich der arbeitstätige Mensch für ein paar kostbare Wochen in einen Touristen verwandelt.
In diesen Wochen darf nichts schiefgehen, und deshalb ist der Mensch heikel in der Wahl seiner Ferienziele: Sri Lanka dürfte für einige Zeit aus dem Rennen fallen, nachdem die Armee die Tamil Tigers in einem blutigen Kampf in die Knie gezwungen hat.
In Ägypten fielen nach islamistischen Attentaten schon ganze Saisons ins Wasser, und momentan ist Mexiko wegen der Schweinegrippe als Reiseland ebenso tabu wie einst Hongkong wegen Sars und weite Gebiete Asiens wegen der Vogelgrippe.
Sars, Vogel- und Schweinegrippe haben gemein, dass sie – ähnlich wie einst Waldsterben oder Rinderwahnsinn – vor allem ein Medienphänomen sind. Doch schwappen sie direkt ins reale Leben über, wie die Finanzkrise in die reale Wirtschaft übergeschwappt ist.
Denn weil der Tourist empfindlich ist bei der Wahl seiner Destination, bleibt er weg, sobald er Gefahr wittert. Das Nachsehen haben Hoteliers, Reisebüros, Transportunternehmen und andere im Tourismus Tätige.
Zwar ist das Risiko nicht zum Vorneherein ein Verkaufshindernis. Viele gelangweilte Büromenschen bringen im Urlaub ihren sonst flauen Adrenalinspiegel mit Tiefseetauchen, Bungee Jumping oder River Rafting in Wallung. Sie blochen auf Motorrädern über viel befahrene Autostradas, verzichten im intimen Umgang mit Einheimischen auf den «Gummi drum», tummeln sich im lawinenträchtigen Tiefschnee oder rennen in Turnschuhen auf den Kilimandscharo.
Der Nervenkitzel, den man sich selbst erschaffen hat, gehört also zur Gundausstattung eines Urlaubs. Doch das Risiko, das einem aufgedrängt wird – und sei es auch nur ein vermeintliches – wird auf der Negativseite verbucht.
Der Tourist will sein im Arbeitsalltag eingestauchtes Ego mit ein paar Heldentaten aufmöbeln. Dazu geeignet allerdings sind nur jene Länder, die sich darauf beschränken, als Kulisse für die Inszenierung zu dienen. wohingegen andere, die ihre internen Probleme vor dem Touristen ausbreiten, von diesem gemieden werden.
Das Risiko akzeptiert der Tourist nur, wenn er es selber geschaffen hat. Ansonsten sollen die Ferien so risikofrei, bequem und sicher sein, als wäre man zu Hause geblieben.
Allerdings ist das Risiko unberechenbar. So dachten die 228 Menschen, die am 1. Juni in Rio de Janeiro einen Air-France-Airbus bestiegen, dass sie heil in Paris anlangen würden, zumal Flugzeuge noch immer zu den sichersten Transportmitteln gehören.
Umgekehrt hat es sich bewährt, tabuisierte Touristenziele anzusteuern, die Golf-Emirate während den Golfkriegen, Israel während der Intifada, Thailand nach dem Tsunami. Wenn die Touristenmassen ausbleiben, präsentieren sich Länder und Leute von ihrer besseren Seite; die Menschen haben Musse, der Tourist fühlt sich nicht als Mitglied einer Herde oder Horde.
Ferienreisen und Wirtschaftskrise haben also eine weitere Gemeinsamkeit: Sie belohnen den, der sich antizyklisch verhält. Daheimbleiben ist jedenfalls keine Alternative: Am meisten Menschen sterben bekanntlich im Bett.
22.6.2009
Wer einen Unfallchirurgen, eine Mathematiklehrerin, einen Software-Entwickler oder eine Deutsch-chinesisch-Übersetzerin sucht, wird ein Anforderungsprofil für die neue Arbeitskraft erstellen und ein entsprechendes Stelleninserat schalten.
Klar, dass Gynäkologinnen, Altphilologen, Maschinenmechaniker oder Übersetzer, die auf Arabisch und Englisch spezialisiert sind, keine Chance haben.
Die prominenteste freie Stelle wird seit Tagen in der Schweizer Presse, und vor allem in jener der Suisse Romande, heftigstens diskutiert. Das Profil dafür müsste, stark abgekürzt, etwa so lauten:
Die Vereinigte Bundesversammlung sucht ein neues Mitglied des Bundesrats, das vermutlich dem Eidgenössischen Departement des Innern vorstehen wird. Der Bewerber (es darf auch eine Frau sein) muss seine überdurchschnittlichen Führungsqualitäten andernorts unter Beweis gestellt haben. Er muss in der Lage sein, zusammen mit seinen Spitzenbeamten hochkomplexe Lösungen für hochkomplexe Problematiken im Bererich des Gesundheitswesen wie auch der Sozialversicherungen zu entwickeln. Für diese muss er im Bundeserat Mehrheiten finden, danach im Parlament, welches seit Jahren durch Interessenvertreter der Pharmaindustrie, der Ärzteschaft, der Krankenkassen und Versicherungen blockiert wird, und schliesslich oft auch in Volksabstimmungen. Hiezu muss er über ein ausgeprägtes Durchsetzungsvermögen, gepaart mit diplomatischen, politischen, psychologischen und rhetorischen Fähigkeiten verfügen. Dem künftigen Amtsinhaber stehen ein Dienstwagen und bei Bedarf ein Helikopter oder ein Kleinflugzeug zur Verfügung. Die Entlöhnung ist im Vergleich zu den geforderten Qualifikationen als stark unterdurchschnittlich zu bewerten. Offerten sind bis bis spätestens 12. September 2009 zu richten an Chiara Simoneschi-Cortesi, Präsidentin des Nationalrates, 3000 Bern Bundeshaus.
Die Schweiz sucht also einen Supermann (beziehungsweise eine Superfrau).
Denn wenn die Entwicklung im gleichen Tempo weitergeht, werden sich Durchschnittsverdiener die Krankenkassenprämien bald nicht mehr leisten können, und Bund und Kantone das gesamte Gesundheitswesen nicht mehr. Und die Invalidenversicherung rast mit bedrohlichem Tempo Richtung Abgrund, wohin sie auch die AHV mitreissen könnte.
Theoretisch wäre es möglich, dass ein bisheriges Mitglied des Bundesrats dieses Departement übernimmt. Aber praktisch? Die EDA-Chefin war einst schon dem Genfer Finanzdepartement nicht gewachsen. Der Chef des UVEK sollte zurücktreten, ebenso der Finanzminister. Die Wirtschaftsminiserin hat genug Probleme am Hals. Die Justizministerin ist erst seit kurzem im Amt, ebenso der Verteidigungsminister, der erst die «beste Armee der Welt» erschaffen muss, bevor er das Departement wechseln darf.
Nur der Beste wäre gut genug – vielleicht. Doch worüber wird in den Medien und Parteien diskutiert? Darüber, welcher potenzielle Kandidat ein echter, halbechter oder unechter Romand sei. Ob nicht ein Tessiner aufs Tapet müsste? Ob die Schweiz auseinanderbricht, weil eine Mehrheit der Deutschschweizer sich auch einen der Ihren auf dem begehrten Sitz vorstellen könnte. Ob die Waadt genug Stimmen mobilisieren kann, um einen Freiburger zu verhindern. Ob die CVP oder der Freisinn oder die SVP ein Recht auf das dank Pascal Couchepins Rücktritt freigeworde Amt hätten, und ob die Grünen wieder mit einer Spasskandidatur aufwarten werden.
Eine Diskussion also, wie man sie sich kleinkarierter und füdlibürgerlicher kaum vorstellen kann, und die, wie so oft in der Geschichte, unweigerlich zu einem helvetischen Kompromiss führen wird, das heisst zu einem Resultat, bei dem die durchschnittliche Unzufriedenheit gleichmässig verteilt ist und ein Kandidat (eine Kandidatin) gewählt wird, der in etwa dem helvetischen politischen Durchschnitt entspricht – was im vorliegenden Fall schlicht nicht genügt.
Ausgerechnet SVP-Präsident Toni Brunner hat in der Kandidaten-Kakaphonie die bisher kreativste Idee geäussert: Jean-Pierre Roth, abtretender Vorsitzender des Direktoriums der Nationalbank.
Roth hat in jener heissen Phase, als die UBS zu kollabieren drohte, einen kühlen Kopf bewahrt und gangbare Lösungen ausgearbeitet. Und er kann einen Trumpf ausspielen, der sogar bei der welschen Boulevardpresse sticht: Er ist ein waschechter Romand aus dem Aprikosendorf Saxon im Unterwallis, der zwar gut Deutsch spricht, aber nicht so gut, als dass er schon wieder in den Verdacht geriete, ein verkappter Suisse toto zu sein.
Ob Roth, 63 Jahre alt, sich aufstellen liesse, steht allerdings auf einem andern Blatt. Zumal er nicht den Hauch einer Wahlchance hat. C'est la vie; c'est la Suisse.
19.6.2009
Von Endo Anaconda:
Ehrlich gesagt war ich überrascht vom befreienden Effekt einer kürzlich gemachten tantrischen Erfahrung. Noch zwei Wochen später spürte ich die materialistischen Versteifungen von mir abbröckeln. Ich hatte aufgrund einer nicht geplanten Pollution seelische Läuterung erfahren, obwohl diese durch die Aktivierung dreckiger Fantasien hervorgerufen wurde. Für die Kursgebühr hätte ich zwar gleich eine professionelle Berührerin vom «Russian Escort» engagieren können, das Spirituelle wäre dabei aber sicher zu kurz gekommen.
Dies dachte ich, nachträglich noch immer amüsiert, als ich mich plötzlich des strengen Geruches im Tantrastudio im 2. UG des Berner Nullortes City West erinnerte. Dieses Vierkant sollte man zum Denkmal des unbekannten Architekten weihen.
Bern hat, abgesehen von der Altstadt, architektonisch nicht viel zu bieten. Die Qualitäten dieser Stadt liegen oft im Unspektakulären und sind manchmal nur auf den zweiten Blick zu entdecken. Sinnierend, meinen täglichen Gin Tonic schlürfend, liess ich den Blick über meine Stadt schweifen und stellte fest, dass die Form der unteren Altstadt von der Terrasse des Restaurants Rosengarten aus an eine Yoni (in Sanskrit: die weibliche Scham) gemahnt. Zeitgleich mit dieser Entdeckung zog ich mir per iPod die neue Single «Sunne» von Kutti MC rein und fühlte mich erleuchtet.
Lag es an der euphorisierenden Wirkung des Songs oder an dem eigenartigen Drink, auf den ich von einigen, im Park herumlungernden Hip-Hoppern eingeladen wurde? Auf alle Fälle verspürte ich plötzlich eine Art Fluggefühl, ein himmelhohes Jauchzen, welches dafür verantwortlich war, dass ich meinen neuen Panamahut in die Büsche segeln liess. Das Schattenspiel der Bäume fing an, auf mich zu wirken wie ein Stroboskop.
Beinahe enthemmt, befreite ich mich tanzend meines 140-fränkigen «Signum»- Hemdes. Der keltischen Wassergöttin Lika opferte ich, indem ich meine 600 Franken teuren, rahmengenähten Kalbslederschuhe im Brunnen versenkte. Hose, Unterwäsche, Socken und Portemonnaie warf ich dem Bärengott Matunus zuliebe zu den Touristen in den Bärengraben. So huldigte ich, nur noch mit meiner Ray Ban und der Tag Heuer bekleidet, die Altstadt hinauftänzelnd, der Sonne. Über mein Geschlecht hatte ich mir, um nicht als Exhibitionist zu erscheinen, eine leeren Parisienne- Schachtel gestülpt. Die letzten Zigis hatte ich mir hinter die Ohren geklemmt, das Feuerzeug sonst wohin.
Auf der Höhe des Erlacherhofes begegnete ich Alex Tschäppät. «Super Endo, du hast ja abgenommen!», rief mir der Stapi hinterher, und der muss es wissen, kennt er mich doch nackt von einer feuchtfröhlichen Paella-Party am Murtensee. «Muss fit sein Lexu, weil wir nächstens aufnehmen!» Ich liess den leicht verwirrten Magistraten stehen und tanzte mich durch die Menschenmasse bis zur Schützenmatte. Dort wähnte ich mich unauffälliger.
Jeder würde glauben, dass ich mit dem Car zu einer Nacktwanderung ins Appenzell oder nach Leutschenbach an ein Casting des SF für den nächsten «Dok» fahren wolle.
«Was machen Sie da mit dieser Zigarettenschachtel?», wurde ich von einer Polizeipatrouille angeherrscht. Ich versuchte, der Beamtin klarzumachen, dass ich mit meiner Aufmachung bloss gegen das ab 1. Juli geltende Beizenrauchverbot protestieren wolle. «Sie brauchen wohl Ferien, Herr Anaconda?», frotzelte die hübsche Beamtin schalkhaft. Ich stimmte ihr zu: «Ja, bitte, verhaften Sie mich!»
Endo Anaconda
09.6.2009
ans Wiprächtiger, Bundesrichter aus Luzern, empörte sich im «Magazin» über den Ausdruck «Kuscheljustiz». Als solche bezeichnen Boulevardpresse und Boulevardparlamentarier einprägsam ein Phänomen, das die Öffentlichkeit beschäftigt, seit das neue Strafrecht in Kraft ist: Dass Gerichte oft unverständlich milde Sanktionen aussprechen; dass Vergewaltiger mit bedingten Gefängnisstrafen davonkommen, Todesraser mit Geldbussen, Drogendealer mit Strafmandaten. Oder dass die Justiz in vielen Fällen – wie etwa der Massenvergewaltigung einer 13-Jährigen in Oerlikon ZH – Verfahren einstellt, wo scheinbar klare Indizien für eine Straftat vorliegen.
Das neue Strafrecht, obwohl am 1. Januar 2007 wirksam geworden, in der Ära von Justizminister Christoph Blocher also, ist ein Rechtsgefüge, das den Bewegungen der 1968er- bis 1980er-Jahre erwachsen ist. Wer beim legendären Strafrechtsprofessor Peter Noll in Zürich studierte, wurde dort mit der psychischen, sozialen und kulturellen Disposition von Tätern konfrontiert. Und als oberste Maxime der Strafe galt, Täter zu resozialisieren und ihre Re-Integration in die Gesellschaft vorzubereiten.
Das neue Strafrecht ist also ein Ausfluss der Denkweise des ausgehenden 20. Jahrhunderts, auf die Täter fokussiert, wie es damals angezeigt war. Die Opfer, die ein legitimes Bedürfnis haben, einen Täter bestraft zu sehen, werden hingegen allein gelassen und in vielen Fällen geradezu verhöhnt.
Dass wir damals für den populären TV-Verbrecherjäger Eduard Zimmermann nur Verachtung übrig hatten, gehört ins Bild. Seine Sendung «Aktenzeichen XY … ungelöst», die er ab 1967 bis 1997 moderierte, galt als moderner und verabscheuungswürdiger Pranger.
Doch zum Zeitpunkt, da es in Kraft trat, lag das neue Strafrecht bereits quer in der politischen und gesellschaftlichen Landschaft. Die Perspektiven hatten sich bereits verschoben: Unter dem Eindruck besonders brutaler oder besonders verabscheuungswürdiger Straftaten hat die Gesellschaft ihr Augenmerk vermehrt auf die Opfer gerichtet.
Die Erkenntnis reift seit einiger Zeit heran, dass unbedingte und erst recht die bedingten Geldstrafen nichts nützen, wenn schon die Wirkung von Gefängnisstrafen umstritten ist.
Was gänzlich vergessen ging, sind aber die archaischeren Aspekte der Bestrafung: Auch wenn das bis heute politisch unkorrekt sein mag, so muss man doch feststellen, dass eine Strafe nicht nur eine Massnahme zur Resozialisierung von Leuten ist, die krass gegen Normen verstossen haben. Das Gefängnis hat auch weitere Funktionen: Erstens soll es einen Straftäter für eine bestimmte (oder unbestimmte) Zeit von der Öffentlichkeit fernhalten und so physisch daran hindern, weitere Taten zu begehen. Und zweitens sitzt das Gefühl sehr tief, dass jemand, der Straftaten begangen hat, dafür auch sühnen soll.
Dieses Bedürfnis ist ur-menschlich, wie man unschwer feststellen kann, wenn man die Bibel, den Koran oder andere Fundamentalwerke zur Hand nimmt.
Natürlich wird aus der zunehmenden Verunsicherung politisches Kapital geschlagen. Aber daraus eine simple Frage von «links» und «rechts» zu machen – die Linken für die «Kuscheljustiz», die Rechten für mehr Härte – funktioniert diesmal nicht: Zwar waren Professoren wie Peter Noll, die für den «menschlicheren» Umgang mit Tätern plädierten, oftmals gute Sozialdemokraten, und von dieser Partei ist auch der eingangs zitierte Hans Wiprächtiger vor zwanzig Jahren fürs Bundesgericht nominiert worden.
Aber heute verwenden sich auch Sozialdemokraten für weniger Milde und mehr Konsequenz den Tätern gegenüber, etwa die Zürcher Strafrechtsprofessoren Martin Killias und Daniel Jositsch, der für die SP im Nationalrat sitzt. Und sogar einigen Sozialdemokratinnen ist aufgegangen, dass es für die Gesellschaft – und im Besonderen für Frauen und Kinder – besser ist, wenn gewisse besonders brutale Täter aus dem Verkehr gezogen werden.
Das Parlament hat letzte Woche der allzu milden Justiz den Kampf angesagt und will die Strafen wieder verschärfen. In erster Linie wären die Gerichte – bis hinauf zu Hans Wiprächtigers Bundesgericht – dazu aufgefordert, keine unangemessen tiefen und damit wirkungslose Sanktionen zu verhängen. Doch dazu kann sie die Politik nur über den Umweg schärferer Gesetze zwingen; direkte Einflussmöglichkeiten gibt es wegen der Gewaltentrennung nicht.
05.6.2009
Gibt es einen spirituellen Ausweg aus der Krise oder müsste man bloss die Ressourcen besser nutzen, fragte ich mich, als ich jüngst vom Rosengarten den Aargauerstalden hinab zum Bärengraben wanderte. Dieser ist, obwohl mittlerweile ohne Bären, immer noch das Wahrzeichen Berns.
Man könnte ihn doch einer anderen Nutzung zuführen, ging es mir durch den Kopf, die sinnlos in die Bärengruben starrenden Touristen beobachtend. Z. B. als mit einer Glaskuppel überdachte Sonderzone für obdachlose Reiche. Jetzt, nachdem das Obwaldner Reservat hinfällig geworden ist und die Reichen, der Pauschalbesteuerung wegen, aus Zürich flüchten.
Auch frisch zugezogene «golden hello» - Bezüger ohne Wohnsitz könnte man im Bärengraben unterbringen. Weil der Wohnraum für Gutbetuchte in den Kantonen Schwyz, Zug und Thurgau schön langsam knapp wird. Mit einer solchen Transparenz in ihrem täglichen Lebensablauf könnten die Sehrgutverdienenden demonstrieren, dass sie auch nur Menschen wie du und ich sind. Arbeiten, fressen, saufen, kopulieren und sterben. Damit könnten Vorurteile aus der Welt geräumt werden, welche seit der Finanzkrise Neid, Hader und Spaltung in die Eidgenossenschaft gebracht haben.
Falls sich nicht genug Reiche finden lassen, könnten man die freien Plätze in der Grube mit deutschen Arbeitslosen auffüllen. Die kriegen von ihren Arbeitsämtern immerhin 8000 Euro als «golden goodbye», wenn sie nur Leine ziehen und sich in der Schweiz einen Job suchen. Wenn wir die alle aufnehmen könnten, würde das auch für uns rentieren, rechnete ich die 3,458 Millionen deutschen Arbeitslosen mal 8000 Euro, während ich meine Schritte in Richtung City West lenkte, um mich dort im 2. UG einer Tantralehrerin anzuvertrauen.
Wollte mich nur schnell über Mittag in die Geheimnisse der «Lingam»- Massage einführen lassen. Die Adresse hatte ich von einem, von der Finanzkrise aus der Bahn geworfenen, befreundeten CEO erhalten, welcher mir anriet, mittels einer spirituellen Grenzerfahrung meine materialistischen Versteifungen aufzubrechen, um den nervlichen Anforderungen der Krise und meinen Steuerrechnungen seelisch besser gewachsen zu sein. Dabei muss ich betonen, dass mein Ansatz kein erotischer, sondern ein spirituell-therapeutischer war.
Streng genommen handelte es sich um eine 250-fränkige «Chi-Kung» Selbstbefriedigungsübung, bei der es darum geht, nicht zu ejakulieren, weil die Taoisten glauben, dass mit dem Sperma Energie vergeudet wird. Nach einer ausgiebigen Hodenmassage, welche eine gute Übung zur Produktion von sexueller Energie sein soll (das wirkt super, sieht man doch an Silvio Berlusconi, der langt sich beim Reden auch immer an den Schritt), legte ich mich nackt, von sanfter Meditationsmusik stimuliert, auf eine Matte und fing an zu onanieren, wie mir von der Meisterin geheissen wurde. Kurz vor dem Höhepunkt hörte ich jeweils auf, bis Langeweile aufkam und ich mir, den Klangschalen lauschend, ausmalte, was ich mit der Lehrerin alles anstellen würde, wenn es nicht verboten wäre. Danach landeten meine Ressourcen, völlig unplanmässig auf dem Teppichboden und ich war gottefroh, als die «Lingam»-Massage endlich vorüber war.
Mit schamroten Ohren, spirituell kaum erbaut und mit bohrendem Zweifel an der Seriosität dieses komplementärmedizinischen Angebotes hastete ich ins Freie. Mit dem festen Vorsatz, das nächste Mal entweder ein Nacktwanderseminar im Appenzell oder einen Kurs in Feuerlaufen zu buchen.
Endo Anaconda
01.6.2009
Kommt endlich Bewegung in den festgefahrenen nahöstlichen Dauerkonflikt, dessen mögliche Lösungen sich während acht lähmender Jahre der Bush-Herrschaft in Washington zunehmend verflüchtigt haben?
Fast scheint es so. Wenn man die Ideen von Barack Obama an den Reaktionen der israelischen Regierung misst, kann man konstatieren, dass sich etwas tut: Premier Benyamin Nethanyahu und einige seiner Minister haben in den letzten Tagen gegenüber Washington Töne angeschlagen, die zwischen Arroganz, Unbelehrbarkeit und Verzweiflung oszillieren.
Vor allem Obamas wiederholte Forderung, den Ausbau der völkerrechtswidrigen Siedlungen im besetzten Westjordanland zu stoppen, stösst der israelischen Rechtsregierung sauer auf.
Die Forderung sei «unsinnig», wetterte Nethanyahu, der seinen (nominell immer noch sozialdemokratischen) Verteidigungsminister Ehud Barack nach Washington detachieren will.
Der Siedlungsstopp wäre der erste Schritt, den die israelische Seite unternehmen müsste, um den Verhandlungen neuen Schwung zu geben. Und genau das will Nethanyahu bekanntlich verhindern.
Der Nahostkonflikt könnte gelöst werden, wenn die USA endlich jenen Druck auf Israel ausübten, welchen gemässigte Araber endlich auf die Palästinenser ausüben müssten. Für andere Gefahrenherde gilt dies jedoch nicht.
Wer die Konfliktzonen studiert, welche die International Crisis Group auflistet, dem wird angst und bange. (Die Crisis Group ist die führende unabhängige Organisation für die Analyse von Konflikten.)
Nehmen wir Nordkorea. Dessen jüngster Atomtest beweist, dass die Diktatur die Fähigkeit, Atomwaffen zu konstruieren, schon weit entwickelt hat. Die Bombe in den Händen kommunistischer Wirrköpfe ist eine üble Perspektive.
Noch übler wäre die Bombe in den Händen von islamistischen Wirrköpfen. Pakistan, anders als Nordkorea, gehört heute zu den «anerkannten» Atommächten (anerkannt, weil die USA und in ihrem Schatten die Atomenergiebehörde in Wien ihren Segen erteilt haben). Was geschieht mit dessen nuklearem Arsenal, wenn es den Taliban gelingen sollte, den Staat endgültig zu zerlegen und in Islamabad eine Scharia-Schreckensherrschaft aufzuziehen?
In Sri Lanka ist der Bürgerkrieg zu Ende – unter hohen Kosten für die tamilische Zivilbevölkerung. Doch andernorts verschlechtert sich die Lage. Die Crisis Group zählt in ihrem gestern veröffentlichen Monatsbericht neben Nordkorea und Pakistan sieben weitere Länder auf, wo sich das Konfliktpotenzial erhöht hat: Tschad, Guatemala, Burma, Niger, Nigeria, Somalia, Sudan.
In mehr als fünf Dutzend Konfliktherden bleibt die Situation auf tiefem Niveau stabil: von Afghanistan über die Palästinensergebiete bis Simbabwe. Am kürzesten ist die Liste jener Länder, in denen eine Verbesserung festzustellen ist: null.
Dass der Nahostkonflikt eines Tages gelöst werden könnte, ist ein erfreulicher Gedanke mit vagen Realisierungschancen. Doch der Weltfriede bräche damit nicht an. Die Summe aller Konflikte und aller Gräuel bleibt offenbar konstant.
25.5.2009
Auf der Welt herrscht Krise, im Besonderen in Amerika, das sie verursacht hat. Doch sie ist nicht Präsident Barack Obamas grösstes Problem. Sein grösstes Problem heisst «Guantanamo».
Geerbt hat Obama Guantanamo, das Internierungslager für angebliche und echte Terroristen auf Kuba, von seinem Vorgänger George W. Bush. Er selber ist jetzt deswegen in die Zwickmühle geraten.
Dick Cheney, der als Bushs Vizepräsident mitverantwortlich für Folter- und Internierungspraktiken war, welche die Bush-Regierung einführte, reibt sich genüsslich die Hände und prangert Obama als «Sicherheitsrisiko» an. Denn dieser will das Lager schliessen und mindestens einen Teil der gut 240 Männer (von einst rund 800), die dort noch inhaftiert sind, in die USA transferieren.
Besonders vergnügt ist Cheney – einst Bushs Mann fürs Grobe – ob der Tatsache, dass Obamas eigene Demokraten im Parlament den beantragten Kredit über 80 Millionen Dollar für die Schliessung Guantanamos abgelehnt haben.
Guantanamo ist zum Sinnbild für die Auswüchse des «Kriegs gegen den Terrorismus» geworden, dem Bush fast alles unterworfen hat, auch demokratische Institutionen wie das Rechtssystem und internationale Normen der Menschenrechte.
Vor allem aber ist Guantanamo ein Beleg dafür, dass sich die Missachtung von Menschenrechten nicht lohnt.
Für die «feindlichen Kämpfer» hat die Bush-Regierung ein Sonderrecht geschaffen, das weder dem Kriegsrecht für Kriegsgefangene noch dem US-Strafrecht für normale Verbrecher entspricht, zu denen auch Terroristen gehören.
Unter diesem Regime wurden Hunderte von angeblich gefährlichen Männern jahrelang gefangen gehalten, wobei den meisten nie ein ordentlicher Prozess gemacht wurde. Das hat zur Folge, dass man bei vielen nie mehr wissen wird, ob sie echte Terroristen oder zu Unrecht Verdächtigte sind. Straftaten nachzuweisen, wird schwieriger; jeder Strafrechtler und Kriminalist weiss, dass mit der Zeit Beweise verschwinden und Erinnerungen verblassen.
Angesichts der menschenunwürdigen Zustände in Guantanamo und der systematischen Folterungen liegt zudem die Vermutung nahe, zu Unrecht Inhaftierte seien in den Jahren des Gefangenendaseins radikalisiert und erst zu dem geworden, was sie anfänglich gar nicht waren: zu gewaltbereiten potenziellen Tätern.
Die US-Regierung will mindestens einen Teil der Probleme abschieben und hat europäische Länder angefragt, ob sie Guantanamo-Häftlinge aufnehmen könnten.
In der üblichen Instant-Diplomatie und als Gefälligkeit an den neu gewählten Präsidenten Obama stimmte Bundesrätin Micheline Calmy-Rey diesem Ansinnen schon zu Beginn des Jahres zu und musste sich dafür Anfang März im Ständerat verteidigen. Calmy-Rey bestritt dabei auch, das Schweizer Angebot an Obama solle taktisch genutzt werden, um Washington in der Bankenfrage gnädig zu stimmen.
Jetzt hören wir das Gegenteil: Bundesrat Hans-Rudolf Merz sehe Guantanamo als Bestandteil eines Gesamtpaketes zur Beendigung des Steuer- und Bankenstreits, war Anfang Mai in Bern zu vernehmen: Gefangene als Spielgeld sozusagen.
Da fällt einem nur eine Antwort ein: Entweder sind die Guantanamo-Häftlinge gefährlich; dann wäre es im Sinn der inneren Sicherheit äusserst unklug, sie bei uns aufzunehmen. Oder sie sind unschuldig; dann wären die USA verpflichtet, ihnen Asyl zu gewähren.
22.5.2009
So funktioniert die schöne neue Medienwelt: Monatelang konnten die Redaktionen nicht genug kriegen vom Drogenkrieg in Mexiko, von Enthaupteten, von korrupten Polizisten, ermordeten Fahndern, martialischen Soldatenaufmärschen und entführten Industriellensöhnen. Wohlgemerkt: die Morde der Drogenmafia sind zwar spektakulär und die Drogenkartelle einflußreich, aber trotzdem läuft man eher Gefahr, hier durch einen Autounfall zu sterben bzw. sind andere Länder wie Südafrika, Venezuela und El Salvador statistisch gesehen weitaus «mörderischer». Oder noch viel stärker vom Organisierten Verbrechen unterlaufen wie Kolumbien und Guatemala.
Dann brach die Schweinegrippe aus, und plötzlich ging es nur noch um Atemschutzmasken, geschlossene Schulen und überlaufene Krankenhäuser. Präsident Felipe Calderon von der konservativen Partei der Nationalen Aktion (PAN) kam es sehr gelegen: mehrmals am Tag überschüttete seine Regierung die Welt mit Informationen und Ratschlägen, keine Redaktion hatte mehr Zeit für seinen Drogenkrieg. Dabei hätte es schöne Geschichten zu erzählen gegeben, die zeigen, von wie wenig Erfolg das Ganze gekrönt ist.
Da gab es etwa das Kommando, das im nördlichen Bundesstaat Zacatecas als Eliteeinheit der Polizei verkleidet 53 Häftlinge aus einem Hochsicherheitsgefängnis befreite. Die meisten waren Drogenhändler oder Auftragsmörder im Dienst der Kartelle. Bis heute fehlt von ihnen und dem Kommando jede Spur.
Oder die Geschichte vom Ex-Gouverneur des gleichnamigen Bundesstaats, Ricardo Monreal, auf dessen Farm (übrigens einst von Drogenhändlern konfisziert, nun im Besitz seiner Brüder, einer davon Bürgermeister) 14,5 Tonnen Marihuana gefunden wurden. Die Geschichte ist besonders pikant, weil ein linker Bruderkrieg den Hintergrund bildet. Senator Monreal hat kürzlich seiner linken Partei der Demokratischen Revolution (PRD) den Rücken gekehrt und der Arbeiterparti (PT) den Rücken gestärkt, der ein Politiker fehlte, um nicht den Fraktionsstatus (und damit saftige staatliche Zuwendungen) zu verlieren. Monreal wirft nun der aktuellen Gouverneurin von der PRD vor, ein Komplott gegen ihn geschmiedet zu haben...
Die Linke, die noch 2006 kurz vor der Machtübernahme stand, hat sich seither selbst ins politische Abseits katapultiert. Der unterlegene Präsidentschaftskandidat Andres Manuel Lopez Obrador erkannte die Wahlergebnisse nicht an und rief eine Parallelregierung aus. Doch ein Großteil seiner Partei zog nicht mit und wollte in die institutionellen Bahnen zurückkehren. Der Konflikt eskalierte bei den internen Wahlen, wo Urnen verschwanden, Ergebnisse getürkt wurden und monatelang nicht feststand, welcher Flügel gewonnen hatte. Schließlich ging die Parteiführung per Gerichtsbescheid an die Gemäßigten, Lopez Obrador und seine Gefolgsleute gründeten ihre eigene Partei.
Jetzt veröffentlichte auch noch der wegen Betrugs verurteilte Unternehmer Carlos Ahumada ein Buch (Derecho de Réplica) in dem er schildert, wie er jahrelang die PRD-Regierung der Hauptstadt schmierte und finanzierte. Bei den anstehenden Parlamentswahlen im Juli kann die PRD Umfragen zufolge mit nicht mehr als 14 Prozent rechnen. Ein schulbuchmäßiges Beispiel der politischen Selbstdemontage durch narzissistische Verblendung.
Und um die regierende PAN, die sich gerne brüstet, die «Partei der sauberen Hände» zu sein, steht es auch nicht viel besser. Im Bundesstaat Colima wurde eine der PAN-Kandidatinnen beim Ladendiebstahl im Supermarkt erwischt: sie hatte Kosmetika im Wert von 120 Dollar in ihre Handtasche gepackt....
Gewinnen dürfte die Wahlen die altbekannte Partei der Institutionellen Revolution (PRI), die Mexiko 71 Jahre lang (bis 2000) beherrscht hatte und in Umfragen auf 33 Prozent kommt. Doch auch die PRI stolpert von Skandal zu Skandal. Kürzlich erklärte Ex-Präsident Miguel de la Madrid, er bereue, Carlos Salinas (dessen Bruder Raul wegen Korruption und Mord verurteilt wurde) zu seinem Nachfolger bestimmt zu haben. Salinas habe Millionen aus der Staatsschatulle in die eigenen Taschen umgeleitet und geduldet, dass seine Brüder Kontakte zu den Drogenkartellen pflegten.